Mittwoch, 14. Oktober 2015

Poem - Ein Märchen Kapitel 4 - Am Meer

IV. AM MEER

So vergehen denn die Tage
Und das Mädchen stellt die Frage
Wann das Meer zu sehen sei
Sie sehnt danach, seit er ward frei
Er hebt den Kopf und zeigt nach vorn
Und spricht dann, hin zu ihr gewandt
„Habt keine Sorge, denn schon bald
endet dieses grüne Land
Hinter jenem fernen Hügel
Wirst das Meer du vor dir sehn
Doch plagt mich eher noch die Frage
Was mit uns soll danach geschehn?!“
Alsbald erreichen sie den Ort
Auf den der Königsohn gezeigt
Und als die Kuppe sie erklommen
Die Räuberstochter starrt und schweigt
Auf Blau, so weit das Auge reicht
Nichts andres bis zum Horizont
Weiter als sie sich’s erträumte
Als sie jemals ahnen konnt
Und nicht weit, vor ihren Füssen
In einer eingeschnittnen Bucht
Sehn sie Tir-Nagalo liegen
Das letzte Ziel so mancher Flucht
Groß und reich ist diese Stadt
Wo ein zahlreich Volke lebt
Wenngleich dem Großteil dieser Leute
Nicht wenig Dreck am Stecken klebt
Doch trotz der drohenden Gefahren
Blüht der Handel stetig auf
Denn Händler aller Herren Länder
Stelln ihre Waren zum Verkauf
Niemand kann mehr heute sagen
Ob’s gewollt, ob’s Zufall war
Dass Tir-Nagalo hier entstanden
Vor ungezähltem, langem Jahr
An diesem wohlgewählten Platze
Der Treffpunkt vieler Wege ist
So kommt es, das hier Schätze lagern
Die das Auge nie vergisst
In ihren ungezählten Straßen
Auf ihren Plätzen, in den Gassen
Gibt’s Wunderdinge zu bestaunen
Die der Geist kann kaum erfassen
Im Gedränge der Basare
An Ständen von zu großer Zahl
Findet man, was man begehret
Hat die berühmte Qual der Wahl
Ob Seide aus dem fernsten Osten
Ob Hölzer aus dem Regenwald
Ob Gewürze feinster Sorten
Alles kann man finden bald
Auf dem größten aller Plätze
Wird gehandelt Mensch und Tier
Regenbogenfarbne Vögel
Als exotisch schöne Zier
Sklaven aller Altersstufen
Werden hier laut ausgerufen
Jedes Alter und Geschlecht
So das für jeden etwas recht

Der Prinz und auch die Räuberstochter
Blicken auf die Stadt hinab
Geben ihrem Pferd die Sporen
Hinunter nun in schnellem Trab
Im Schatten starker, steinernd Mauern
Die die wehrhaft Burg umgeben
Siedeln all die einfach Leute
Fristen hier ihr hartes Leben
Keiner achtet auf die Reiter
Lang schon ist es nicht mehr neu
Das Fremde in den Straßen reiten
Niemand zeigt geringste Scheu
Auf den sandig, staubig Straßen
Erreichen sie der Festung Tor
Geschäftges, munteres Gemurmel
Dringt von überall ins Ohr
Ihr Ziel ist heut der große Hafen
Ein Schankhaus und ein weiches Bett
Dazu ein gut gekühltes Bier
Macht die Strapazen fast schon wett
Am nächsten Morgen, so ihr Plan
Wolln sie versuchen zu erfahrn
Wohin die ganzen Schiffe reisen
Und zu welchen Mitfahrpreisen
Fast bricht der Abend schon herein
Und der Sonnenstrahlenschein
Versteckt sich in der Dämmerung
Nebel hüllt in Grau die Straßen
Die das Licht verschwinden lassen
Hier und da erhellt von Flammen
Die von lodern Fackeln stammen
Da merken oder besser riechen sie
Dass sie dem heutgen Ziele nah
Denn solch ein starken Fischgestank
Kommt gewöhnlich nur von da
Richtig, kaum noch hundert Schritte
Da sehen vor sich sie ein Schild
Gastwirtschaft ’Zum grünen Hering’
Dazu das dementsprechend Bild
Als den Schankraum sie betreten
Ist er nicht voll, doch auch nicht leer
Ein Dutzend Gäste sind versammelt
Ein Platz zu finden ist nicht schwer
So sitzen dann bei Bier und Braten
Gemütlich sie beisammen
Da tritt ein neues Grüppchen ein
Das nicht von hier kann stammen

Schwarz wie Kohle ihre Haut
Mit wirrem, krausem Haar
Selten sah man solche Menschen
Wohl die ersten dieses Jahr
Nicht weit entfernt von Maid und Prinz
Setzen sie sich nieder
Sind erschöpft und sichtbar glücklich
Der Erholung ihrer Glieder
Staub und Sand klebt am Gewande
Das von ihnen jeder trägt
Männer sind es, wahre Riesen
Mit denen keiner gern sich schlägt
Neugier packt den jungen Prinzen
Allzu gerne wüsst er mehr
Wer diese fremden Menschen seien
Intressierst ihn wirklich sehr
Vielleicht, wenngleich er kann’s nicht glauben
Könn sie ihm seine Sorgen rauben
Mag sein, das all offnen Fragen
Durch sie ihn nicht mehr weiter plagen
Denn wer kann denn schon sicher wissen
Ob sie nicht fern in fremden Landen
Auf einer ihrer vielen Reisen
Des Rätsels Lösung fanden
Sein Blick sagt ihm, das sie zum Stand
Zur Zunft der Handelsleute zähln
So hofft er denn, das eben diese
Zur ihrem Gaste ihn erwähln
Und wenig Zeit ist nur vergangen
Da sind die Fremden ganz gefangen
Im Gespräche mit dem Prinzen
So hört er denn, ganz wie vermutet
Das Kaufmannsleute alle sind
Und dass es möglich, das sie ahnen
Wo er gute Hilfe find
Denn in ihrem Heimatlande
Befindet an geheimem Ort
Sich ein allwissendes Orakel
Streng geschützt für immerfort
Doch ist es nicht unmöglich
Als Fremder einfach vorzusprechen
Für Freunde, wie er ihn jetzt nennt
Kann man ein paar Regeln brechen
„Begleitet uns auf unsrem Schiff
Morgen segeln wir gen Heimatland
Wollt ihr als Gäste uns begleiten
Findet zeitig euch am Strand
Dort wird ein Beiboot auf euch warten
Und euch bringen dann an Bord
Und mit der nächsten frischen Brise
Segeln wir vom Lande fort!“
Der Prinz ist sichtlich hoch erfreut
Und so wird noch mal nachbestellt
Ein lust’ger Abend, könnt man sagen
So, wie es einem wohl gefällt

Am nächsten Morgen, wie versprochen
Holt man sie im Beiboot ab
Mit den Pferden und Besatzung
Wird zwar der Platz ein wenig knapp
Doch schnell sind sie an Bord des Schoners
Der kurz darauf die Anker zieht
Und mit dem Winde pfeilschnell segelnd
In das offne Meer hinflieht
Nicht lange währt es und das Ufer
Scheint kaum mehr als Illusion
Zu weit entfernt, um zu erkennen
Zu weit gefahren sind sie schon
Der Kapitän des schnellen Schiffes
Ist ihnen ja schon gut bekannt
Er war unter jenen Männern
Die der Prinz im Gasthaus fand
Während ihrer langen Reise
Zeigt er ihnen was er lädt
Und nach einem Gang ins Lager
Der Prinz das Lächeln wohl versteht
Das Schiff ist voll bis hin zum Rand
Mit allerfeinsten Waren
Gewürze, Hölzer und Gewänder
Und Dinge die er nie gekannt
Ein reicher Mann ist zweifelsohne
Wer dieses all sein Eigen nennt
Und der Königssohn ist sich gewiss
Das er diesen Glückspilz kennt
Dies alles hier gehört dem Führer
Des Schiffes, der bei ihnen steht
Es bleibt für ihn nur noch zu hoffen
Das alles seiner Wege geht
Und kein Räuber und Pirat
Von diesem Schatz erfahren hat

Ereignislos verläuft die Fahrt
Kein andres Segel lässt sich sehn
Es scheint ganz so, als könnte nimmer
Noch irgendetwas hier geschehn
Und schon zeigt sich am Horizont
Ein grauer Streifen, scheinbar Land
Worauf der Prinz den Schwarzen fragt
Ob dieses sei ihm denn bekannt
„Jawohl, doch lasst euch von mir sagen
darüber gibt’s nicht viel zu fragen
Nur Sand und Sand wohin man blickt
Verloren wen man dorthin schickt
Zwei Tage müssen wir noch fahren
Bis wir erreichen unser Ziel
Bedenkt man dann die Reisedauer
Erscheinet es nicht allzu viel
Übt also euch noch in Geduld
Bis wir den Hafen denn erreichen
Doch horcht, wer ruft vom Mast herunter
Was gibt er für ein Zeichen ?“
„Piraten!!“ schallt es laut von oben
„Piraten!! Backbord, nicht mehr fern“
Der Kapitän springt fluchend auf
Die Burschen will er Mores lehrn
Denn er ist nicht ohne Waffen
Schwert und Axt kann er noch führn
Solln sie wagen, solln sie kommen
Werden seine Wut verspürn
Doch besser wär es zu entfliehen
Drum lässt er alle Segel ziehn
Nun ist’s zwar schnell, doch andre schneller
So sind die Räuber bald heran
Schon trennen sie kaum hundert Schritte
Und sie man singen hören kann
Wie sie rau mit ihren Kehlen
Ein Schlachtlied zu dem Gegner brüllen
Wolln die Herzen ihrer Opfer
Mit Angst und Panik wohl erfüllen

„Tanzt ihr Klingen
Tanzt im Winde
Tanzt mit Freude
Tanzt geschwinde
Sprühet Feuer
Sprühet Funken
Im Blutes Rausche
freudentrunken
Schneidet Fleisch und trennet Sehnen
Vergießet hunderttausend Tränen
Tanzt im Strom des Schlachtgesangs
Tanzt im Wirbel seines Klangs
Tanzt, bevor er sich verzieht
Tanzt und singet euer Lied“

So klingt’s vom andren Schiff herüber
Das stetig die Distanz verkürzt
Gleich einem Habicht oder Adler
Der sich auf seine Beute stürzt
Beiden Seiten spannen Bögen
Auf das ihre Pfeile flögen
Und reichlich ernten wo sie fliegen
Hier kann heut nur einer siegen
Nun sind sie fast schon Bord an Bord
Unausweichlich Raub und Mord
Lange Haken , feste Stricke
Ziehn das Handelsschiff heran
Es scheint auf jeden Fall unmöglich
Dass dieser Fang entkommen kann
Und schon springen die Piraten
An Deck mit Schwertern in der Hand
Und kaum ein Augenblick verstrichen
Bis sich der erste Gegner fand
So kommt es dann zum Handgemenge
Zum Kampf auf Leben oder Tod
Und die Besatzung dieses Schoners
Befindet sich in höchster Not
Da kommt der rettende Gedanke
„Kappt schnell die Taue die uns halten !
Sonst ist unser Tod beschlossen
Denn hier wird niemals Gnade walten
Wenn das Schiff erst wieder frei
Die Flucht nicht allzu schwierig sei
Dann keinem Räuber mehr gelingt
Das er zu uns herüber springt
Zu viel Piraten sind gefallen
Als das sie könnten hinterher
Mehr Männer braucht ihr Schiff zum Segeln
Es ist zu manövrieren schwer !“
So spricht der Kapitän im Kampfe
Und wie gesagt wird es getan
Unter großen Müh und Schrecken
Befreien sie sich von dem Kahn
In Windeseil schwimmt es davon
Schon trennen hundert Schritte sie
Da erhebt an Bord der Schiffe
Ein wütend Heulen sich wie nie
Getrennt sehn nun sich die Piraten
Gefoppt durch diesen kleinen Streich
Mag sein, das sie jetzt ernten Tote
Anstatt zu werden endlich reich
Denn auch die Händler können kämpfen
Und so ist schon nach kurzer Zeit
Niemand von den wilden Männern
Zum Widerstande mehr bereit
Wer nicht im Kampfe ward erschlagen
Muss sich auf die Planke wagen
Und wird der Haie nächste Speise
Denn dies ist ihre letzte Reise
Zwar gibt’s auch Opfer zu beklagen
Doch überwiegt das Glück der Flucht
Denn nirgendwo zeigt sich das Segel
Des Schiffes, das nach ihnen sucht

Derweil sind aber die Piraten
Nicht sinnlos hinter ihnen her
Ihre Rache zu erlangen
Fällt ihnen trotzdem gar nicht schwer
Denn ist ein Magier unter ihnen
Der zwar den Kampf bisher gemieden
Doch nun lässt seine Kräfte walten
Um der Händler Tod zu schmieden
Er steht am Bug des Räuberschiffes
Die Augen sehn zum Himmel starr
Beginnt zu flüstern eine Formel
Das Bild des Schoners stets gewahr
Und seine Stimme hebt sich weiter
Vom Flüstern fast zum Schreien schon
Und man hört nun laut und deutlich
In gar geisterhaftem Ton

„ Komm Sturm des Nordens
Mit deinem kalten Atem
Und deinem Herz aus Eis
Komm Sturm des Südens
Gleich einem Feuerstrom
fegst du hinfort und brennst, verzehrst
Komm Sturm des Ostens
Der du der Weiten Herrscher bist
Wo dein Lied die Luft mit Kraft erfüllt
Komm Sturm des Westens
König der Meere, Fürst des Regens
Der du den Himmel weinen lässt
Komm Sturm des Geistes
Der in Schwärze wiederhallt
Und tosend, brüllend vorwärts weiter treibt

Kommt ihr Stürme, fünf die Zahl
Vereinigt euch ein letztes Mal

STURM DER MACHT
KOMM NUN
ERSCHEINE !“

Da verkündet tiefe Stille
Die starke Macht, die denn sein Wille
Des Sturmes Toben auferlegt
Und ihm bestimmt wohin er fegt

Indes der Schoner weiter treibt
Nicht ahnend, was da kommen mag
Ohne Angst und ohne Furcht
Wartend auf den nächsten Tag
Noch ist der Himmel blau und weit
Gefahrvoll kaum zu dieser Zeit
Wenngleich am Horizont sich türmen
Boten von sich nähernd Stürmen
Doch innerhalb von Augenblicken
Zu tiefster Schwärze wird das Blau
Und die Segel blähen sich
Reißen hart an Mast und Tau
Glänzend, schäumend Wellenkämme
Sprühen weiße Meeresgischt
Und schlagen stetig immer höher
Als auch das letzte Licht erlischt
Und jeder Laut und jedes Wort
Vom Toben wird gerissen fort
Wellenberge stürzen nieder
Auf des Schiffes hölzern Glieder
Spülen Menschen über Bord
Zerfetzen Segel, Tau und Tuch
Ein Entkommen ist unmöglich
Denn es bleibt nicht ein Versuch
Hilflos ausgesetzt dem Wüten
Der Gewalten der Natur
Hilft kein Hoffen und kein Beten
Angst und Schrecken bleiben nur
Und eine neue Wellenberg
Türmt sich unter ihnen auf
Meterhoch hinauf gehoben
Nimmt das Schicksal seinen Lauf
Denn vor ihrem Angesichte
Öffnet sich die Meeresflut
Und sie stürzen und zerschellen
An des Sturmes wilder Wut
Die Wogen schlagen auf sie nieder
Brechen splitternd Mast und Bord
Und der Wellen wütend Toben
Reißt Mann und Maus vom Schiffe fort
Die Balken krachen, der Rumpf zerbricht
Die Takelage verbogen
Vorbei die Herrlichkeit des Schoners
Ein Opfer wilder Wogen
Im Griff der kalten Wassermassen
Des Prinzens Sinne ihn verlassen
Und mit dem letzten seiner Kraft
Er fast besinnungslos es schafft
Ein Planke zu ergreifen
Und Dunkel kommt ihn wegzuschleifen

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