II.DIE
RÄUBER
Indes des Prinzens Reisewege
Führt durch einen lichten Wald
Und im Schatten weiter Kronen
Ist er in Gedanken bald
Ein Ast bricht laut, ein Hinterhalt!
Fünf Männer stürzen aus dem Wald
Und eh er weiß, wie ihm geschieht
Nur Dunkel noch er plötzlich sieht
Doch als sich dann der graue Schleier
Von seinen Augen langsam hebt
Sieht er mit leidgeprüfter Miene
Das er nun unter Räubern lebt
Wie reut ihn da sein edler Rappe
Sein goldenglänzend Helm und Schild
Zu offen war sein Stand gewesen
Bei diesem herrschaftlichen Bild
Hier hilft kein Weh, kein Ach, kein
Klagen
Er will noch lange nicht verzagen
Still spricht er, mit stummen Lippen
Zu dem Gotte, seinen Herrn
Bittet ihn um seine Gnade
Will ihn um so mehr verehrn
Doch auch seine tiefe Klage
Wird vom Himmel nicht erhört
Gott ist Beides, Gut und Böse
Und er das Schicksal niemals stört
So vergehen lange Stunden
In sternenklarer Sommernacht
Bis das der Kopf der Räuberbande
Sich zu ihm wendet und laut lacht
„Des Königs Sohn! Welch eine Beute
genug für alle meine Leute
Was meint ihr, edler Königsspross
Was seid ihr wert dem reichem Schloss?
Ich denk, die Hälfte eures Schatzes
Muss in meine Kammern gehen
Das ist der Preis, den ich verlange
Wirst sonst die Freiheit nie mehr sehn
Willst du nicht zahlen was ich wünsche
Ich seh, du bist nicht ohne Kraft
Und ein Herr aus solchem Hause
Doch wohl Sklavendienste schafft
Wähle gut, es ist dein Leben
Entscheide dich, was willst du geben
Ich schenke dir noch einen Tag
Es liegt an dir, was kommen mag“
So schließt der Hauptmann seine Rede
Dreht sich herum und geht zurück
Und den Prinz in seiner Lage
Scheint verlassen alles Glück
Sollt denn wirklich seine Suche
Enden schon an diesem Ort
Zahlen will und wird er niemals
Weiß, er kommt doch nimmer fort
Dann, im nächsten Morgengrauen
Kommt erneut der Räubersmann
Prüft gewissenhaft die Fesseln
Ob der Prinz entweichen kann
Mit einem Lächeln auf der Miene
Wendet er sich schließlich fort
Kann heut nicht beim Gefangnen wachen
Denn es wartet lohnend Mord
So springen er und seine Mannen
Aufs Pferd und fort in schnellem Satz
Und als der Staub sich wieder senkt
einsam scheint ihr Ruheplatz
Nur im Schatten einer Eiche
Liegt der Prinz wie eine Leiche
Bewegungslos, in bastnen Stricken
Die ihn wahrlich nicht erquicken
Und er ist auch nicht ganz allein
Denn des Hauptmanns Weib und Kind
An diesem Ort geblieben sind
Sie solln wohl seine Wächter sein
Doch fällt kein Wort, nur tiefes
Schweigen
Vertieft in Arbeit sind die Fraun
Die Mutter will der Tochter zeigen
Wie sie soll die Lager baun
Kein Blick streift auch den Königssohne
Sind wohl zehn Schritte weit entfernt
Wohl bedacht des Weibes Eifer
Das die Tochter so viel lernt
So vergeht nun Stund um Stund
Und das goldne Himmelsrund
Steht bald strahlend im Zenit
Als unverhofftes doch geschieht
Die Frau weiht grad ihr schönes Kind
In ihre Heilungskünste ein
Da fehlt zur Fertigstellung einer Salbe
Nur ein kleines Kraut allein
Unscheinbar und schwer zu finden
Für das ungeübte Aug
So glaubt sie ungehört der Tochter
Das zur Suche sie nichts taug
So muss die Mutter selbst wohl eilen
Doch darf zu lang sie nicht verweilen
Soll doch das Kinde halten fern
Vom dem so hochgebornen Herrn
Ist es Schicksal - pures Glücke
Plötzlich eine kleine Mücke
Surrt um ihren Kopf herum
Da wird es doch ihr nun zu dumm
Holt aus zum Schlag, verliert den Halt
Und stürzt schwer im tiefen Wald
Kann nicht mehr laufen, kaum noch
kriechen
Und nirgends Hilfe, weit und breit
Niemand kann ihr Rufen hören
Und gnadenlos verrinnt die Zeit
Indes im Lager sitzt die Tochter
Und ist vertieft in Näharbeit
Scheut jeden Blick zum armen Prinzen
Obgleich er tut ihr furchtbar leid
Sie weiß nicht Stand noch seine Suche
Er ist ihr völlig unbekannt
Wohldurchdacht des Vaters Sorge
Er ihr den Namen nicht genannt
Denn wenn sie auch des Räubers Tochter
Gleicht sie doch kaum dem wilden Mann
Und all zu leicht ein schweres
Schicksal
Ihr gutes Herz erweichen kann
Die Minuten still verrinnen
Und das Weib kehrt nicht zurück
Als das Kind ihr Werk vollendet
Scheint zu wenden sich das Glück
Denn der Prinz in stummem Flehen
Sehnt sich nach wenig kühlem Nass
In der brennend Mittagshitze
Sein Blick sucht nach dem Wasserfass
Das Mädchen hört den Armen stöhnen
Doch wagt es nicht, zu ihm zu gehen
Die Mutter hat es doch verboten
Zu leicht könnt sie sie dabei sehn
Doch wo ist diese nur geblieben
Knapp eine Stund ist schon vorbei
Ahnend das zu lang zur Suche
Fragt sie sich, was geschehen sei
Angst schürt zu ihr junges Herz
Bang sie schaut zum Waldesrand
In ihrem Ohr des Prinzen Stöhnen
Ob der Sonne glühend Brand
Schließlich nimmt sie eine Schale
Und geht mit ihr zum großen Fass
Füllt sie auf und bringt dem Prinzen
Das langersehnte, labend Nass
Gierig stürzt er es hinunter
Bis zum letzten Tropfen leer
Dankt ihr dann in tausend Worten
Doch bittet um ein wenig mehr
Geschwind erfüllt sie ihm die Bitte
Und füllt die Schale wieder auf
Und gibt sie ihm und setzt sich nieder
So nimmt das Schicksal seinen Lauf
Denn als sie in sein Antlitz schaut
Wird in ihr die Frage laut
Wer dieser junge Mann wohl sei
Und warum er nicht ist mehr frei
So schaut sie ihm in sein Gesichte
Fragt nach dem Verlaufe der Geschichte
Warum und wie er ward gefangen
Weshalb er allein gegangen
Der Prinz, der Wohltat gut gedenk
Fleht sie nun an, das sie ihm schenk
Die Freiheit, um zu lösen jene Frage
Die ihn quält an jedem Tage
Warum sein Weib so früh gegangen
Sagt, sie könnt so viel verlangen
Wie sie will, kann alles haben
Und sich dann freuen dieser Gaben
Bis an das Ende ihrer Tage
Befreit sie ihn aus dieser Lage
Das Mädchen lacht still in Gedanken
Ist’s Räuberleben längst schon müd
Befreit sie ihn, kann sie nicht bleiben
Wohl wissend ist sie, was ihr blüht
„Nicht Gold, nicht Schmuck und kein
Geschmeide
können dir dein Leben retten
Auch kein Schloss, kein Hof, kein Ruhme
Werden lösen deine Ketten
Lass mich auf deinen Wegen dich
Von nun an stets begleiten
Du bist frei, glaub meinen Worten
Wenn ich darf mit dir reiten !“
So spricht sie zum erstaunten Prinzen
Der sich sieht der Rettung nah
So soll sie nun ihn denn begleiten
An jedem Tag, in jedem Jahr
Das Mädchen löst nun seine Stricke
Die verknüpften die Geschicke
Ihres und des seinen Leben
Indem sie Freiheit ihm gegeben
„Nicht viel nenn ich mein Hab und Gut
doch will ich drauf verzichten
Auf und Davon, denn kommt der Vater
Wird er uns beid vernichten !“
Auch der Rappenhengst muss bleiben
Und auch die Waffen sind verlorn
Statt edler Kleider Lumpenfetzen
Fast schien’s, er wär im Wald geborn
Doch hat sein Leben er gerettet
Und mit der Maid trabt er hinfort
Auf einem alten Bauernklepper
Hinweg von seinem Kerkerort
So reiten sie denn durch den Wald
Der meilenweit sich rings erstreckt
Das ehmals strahlend Licht der Sonne
Hat fast im Schatten sich versteckt
Stille senkt sich über ihnen
Nur leis die Sinfonie der Nacht
Die Grillen zirpen ihre Lieder
Als hätt’s ein Komponist gemacht
Doch etwas stört die nächt’ge Ruhe
Ein Hufgetrappel in der Fern
Der Vater kommt, mit seinen Mannen
Will mehr als sie Gehorsam lehrn
Ihr Ende ist’s, wenn sie gefangen
Jetzt heißt es wahrhaft eilen
Die Freiheit, aber nicht den Tod
Wollt sie doch mit ihm teilen
Doch der Gaul ist schwach und alt
Er scheint zusammenzubrechen bald
Die Männer indes kommen näher
Schon hat entdeckt der erste Späher
Den Prinzen und die junge Maid
Und immer knapper wird die Zeit
Die sie voneinander trennt
Denn nun die wilde Flucht entbrennt
Sie stürzen durch den tiefen Wald
Die Räuber dicht im Nacken
Es ist gewiss, kaum eine Frage
Das sie sie werden packen
Vier Schritte noch - gleich ist’s
geschehn
Doch nein - der Prinz hat’s kommen
sehn
Und bricht geschwind zur Seite aus
Kracht durchs Gestrüpp, versucht zu
fliehn
Doch kann den zornerhitzten Männern
Sich nicht für lange Zeit entziehn
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen