III.
DIE KÖNIGIN DES WALDES
Verzweiflung ringt ihn langsam nieder
Denn gleich haben sie ihn wieder
Da plötzlich in Sekundenschnelle
Liegt dichter Nebel auf dem Wald
Kaum zwei Schritte weit zu sehen
So können sie entkommen bald
Da fliegt ein blinder Pfeil zu ihnen
Von den Räubern ausgesandt
Und fordert mit dem Tod des Gaules
Einen blutgen Lebenspfand
So müssen denn zu Fuß sie laufen
Wenn ihre Flucht soll weitergehn
Und schon nach wen’gen Stunden Marsch
im Dunkel
Könn sie eine Lichtung sehn
Doch nicht die Lichtung ist das Wunder
Auf ihr ein goldner Reitersmann
Ja - golden ist sein Helm, sein Schilde
Das kaum zu ihm man sehen kann
Er thront auf einem weißen Schimmel
Nein, halt - kein Pferd, ein Zaubertier
Ein Einhorn aus Uraltlegenden
Man sieht auf dieser Lichtung hier
Starr steht er da im Mondesschein
Scheint nicht von dieser Welt zu sein
Und schaut sie an mit fremdem Blick
Als wollt er prüfen ihr Geschick
Dann spricht er laut mit starker Stimme
„Willkommen heiß ich euch im Land
als Herold von des Waldes Herrin
ward ich zu euch gesandt
Talon werde ich geheißen
Habt keine Furcht und folget mir
Ihr seid nun sicher vor Gefahren
Keiner droht, nicht Mensch noch Tier.“
So steigt er ab und wendet sich
Dem andren Rand des Waldes zu
Geht, ohne nach den zwei’n zu blicken
Doch folgen beide ihm im Nu
Und wo sie gehen lichtet sich
Des Nebels dichte Wand
Die grauen Schwaden heben sich
Enthülln ein helles Band
Von Eichen, ganz im Silberglanze
Und Tannen, wohl aus purem Gold
Doch was diese Schätze hüten
Könnt fast nur von Gott gewollt
Ein Märchenschloss, in himmlisch
Schein
Mit vielen Türmchen, zierlich klein
Eingetaucht in rotes Glimmern
Denn überall Rubine schimmern
Er führt sie durch das größte Tor
Durch breite Straßen zu den Hallen
Musik liegt um sie in der Luft
Lässt ihn’n das Blute wallen
Sie treten in den Saal des Schlosses
Vor der Herrin Hof und Staat
Uns sie fühlen, nein sie wissen
Dass eine neue Wendung naht
Des Waldes Königin indes
Sitzt schweigend auf dem Throne
Unvergleichlich, wunderschön
Mit einer Blätterkrone
Doch nicht von Grün ist dieses Laub
Aus reinem Gold und Diamant
Glänzen sie im Sternenlichte
Hochgelobt, der dies erfand
Sie selbst gekleidet ganz in Weiß
In seidene Gewande
Ihre Schönheit fesselt alle
Durch seltsam, magisch Bande
So werden sie zu ihr geführt
Beide sind sie tief gerührt
Und falln in Ehrfurcht auf die Knie
Größres, Schönres sahn sie nie
So vergehen still Sekunden
Bis die Herrin sich erhebt
Und mit federnd leichtem Schritte
Zu den beiden Wandrern schwebt
„ Erhebt euch schnell, fühlt euch
als Gast
in diesem meinen Schlosse
Ich weiß von deiner Suche Prinz
Mit deinem schwarzen Rosse
Ich sah die Räuber, sah dich leiden
Doch konnte ich es nicht vermeiden
Seid nun willkommen in meinem Haus
Und ruht in Sicherheit euch aus.
Zwei Betten warten, frischgemacht
Sie sind zum Schlafen angedacht
Zum Fragen ist auch Morgen Zeit
Dann bin zur Antwort ich bereit !“
So spricht sie denn, des Waldes Herrin
Und wie sie sprach es dann geschieht
So kommt es, dass das Morgengrauen
Zwei ausgeruhte Menschen sieht
Sie werden bald schon angerufen
Im Königssaale zu erscheinen
Antwort auf so viele Fragen
Soll dies Rufen scheinbar meinen
Und im hellen Tageslichte
Noch vielmehr blendet sie die Pracht
Die der Sonne helles Funkeln
In der Blätterkron entfacht
Mit glockenheller, klarer Stimme
Spricht die Herrin sie nun an
„Ich will euch helfen, will euch
leiten
Wenn ich dies denn machen kann
Eurer Suche Ziel jedoch
Darf ich euch nicht enthüllen
Doch ist mir alter Spruch bekannt
Der scheint sich zu erfüllen
wenn zwei sind eins
und eins ist fort
ist keins mehr ganz
und Rettung gibt’s an keinem Ort
Was diese Worte wahrhaft meinen
Müsst ihr denn selbst erraten
Doch eilet schnell, die Zeit verrinnt
Durch allzu langes Warten
Denn wisst in meines Landes Grenzen
Die Stunden kaum verrinnen
Doch hundert Jahr sind schon vergangen
Seid ihr geflohn von hinnen
So müsst ihr eilen, tapfre Wandrer
Nehmt von mir Nahrung, Schwert und Ross
Auch wenn ich euch nicht gern entlasse
Verweilt nicht länger hier im Schloss!
Ein letzter Rat für eure Reise
Geht nach Osten, hin zum Meer
Dann lange nicht mehr müsst ihr suchen
Was ihr so wünscht zu finden sehr“
Obgleich erfreut der ersten Spur
Dauert es die Beiden nur
So schnell schon von hier fort zu gehn
Doch müssen sie sich eingestehn
Dass die Königin im Recht
Und weitres Bleiben wäre schlecht
So reiten sie alsbald von dannen
Lassen hinter sich die Tannen
Und der Eichen silbern Schien
Glänzt im Morgentaue fein
Der Herrin Rate eingedenk
Wenden sie sich hin zum Meer
Und wenn auch die Sonne scheinet
Drückt den Prinzen Schwermut sehr
Die Räuberstochter unterdessen
Kann das Erlebte kaum vergessen
Und staunet ob der neuen Sachen
Die Neugier heiß in ihr entfachen
Denn der Wald liegt hinter ihnen
Vor ihrem Aug das weite Land
So schön, so unermesslich weit
und faszinierend unbekannt
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