Mittwoch, 14. Oktober 2015

Poem - Ein Märchen Kapitel 6 - Der Kreis schließt sich

VI. DER KREIS SCHLIESST SICH



Endlich wieder ganz bei Sinnen

Dankt er dem Mann in höchstem Ton

Will hundertfach es ihm vergelten

Und fragt ihn nach gewünschtem Lohn

der Beduinen allerdings

schüttelt nur sein Haupt

Seine Tat war selbstverständlich

Da fest an seinen Gott er glaubt

Der Nächstenliebe ihn gelehrt

Das niemals er den Rücken kehrt

Dem, der ist in bittrer Not

Und hilflos , nahe schon dem Tod

Doch fragt er ihn nach seinen Gründen

Die in die Wüste ihn getrieben

Weiß er denn nicht, wie viele Opfer

Schon in ihren Fängen blieben



Der Prinz berichtet von den Wegen

Die er bis hier schon war gegangen

Erzählt vom Grunde seiner Reise

Wie von den Räubern er gefangen

Mit Tränen in den grünen Augen

Spricht er von der jungen Maid

Die in ihren Tod gelaufen

Als ahnungslos sie ihn befreit

Von der Königin des Waldes

Und ihrem funkelnd Märchenschloss

Von ihrem Ritt nach Tir-Nagalo

Auf dem geschenkten , stolzen Ross

Vom Meer spricht er und ihrer Fahrt

Von der Piraten wildem Lied

Von dem Sturm der sie zerschmettert

Als kaum er wusste was geschieht



Der Beduine schaut ihn an

Ein seltsam Zug auf dem Gesichte

„Vielleicht kann dir Erkenntnis bringen

Die folgende Geschichte

Vor langer Zeit, wohl hundert Jahre

Kam schon ein Mann gleich dir hierher

Meines Vaters Vater fand ihn

Wie du auch, lebte kaum noch er

Trotz aller unser guten Pflege

War einer Krankheit er erlegen

Unheilbar, konnte nicht genesen

ging auf schattenhaften Wegen

Ein heißes Feuer zehrt stetig

Ihn heftig brennend restlos auf

Und niemand, selbst die größtes Weisen

konnten stoppen den Verlauf

Und in seinen letzten tagen

Rief seinen Retter er zu sich

Wollt von etwas ihm berichten

Bevor er schließlich dann verblichene

Er sprach davon, warum man ihn

Alleine in der Wüste fand

Dem Tode näher als dem Leben

Fern von seinem Heimatland

Auf der Flucht war er, vor seiner Liebe

Sein Herz zerbrach, als sie geraubt

Von einem Prinzen, der sie liebte

Jedoch sie nicht, wie er geglaubt

Glücklich sind die zwei gewesen

Bis das der Vater ihr befahl

Mit dem Königssohn zu ziehen

Und scheinbar endlos war die Zahl

Der Tränen, die beim Abschied flossen

Doch sinnlos waren sie vergossen

Denn was geschehn war, war geschehn

Und hilflos musste er ansehn

Wie alles, was sein Leben war

Für ewig von ihm ward genommen

Und er starb in seinem Herzen

Denn niemals mehr konnt er bekommen

Was seine Sonne, was sein Licht

Doch er konnt vergessen nicht

Und getrieben von den Stimmen

Die Nacht für Nacht ihn endlos riefen

Ward er still und stets verschlossen

Sank in immerdunkle Tiefen

Floh von dem Ort an dem sein Glück

SSein Anfang und sein Ende nahm

Ziellos irrte er auf Wegen

Bis er in unsre Gegend kam



Er gab dem Vater meines Vaters

Ein kleines goldnes Amulett

Mit einem Bild von jenem Weibe

so lag er auf dem Totenbett

und verschied in jener Nacht

Von seiner Liebe umgebracht

Das Medaillon , das er ihm gab

BBevor er sank ins ew'ge Grab

War seinem Retter manches wert

Denn jene Frau, die er verehrt

war wahrhaft schön und er verstand

Was der Arme an ihr fand



Ich weiß nicht, ob es Schicksal ist

Das dich dein Weg zu mir geführt

Doch hat dein Leid und deine Klagen

Mein Herz in großem Maß berührt

Sieh das Bild und sage mir

Ist sie es, die starb vor dir ?

Bist du der Prinz, der sie geliebt

Und mit sich hat genommen

Deine Suche ist zu Ende

An dein Ziel bist du gekommen

Mir scheint es, das dein Weib der gleichen

Schlimmen Krankheit war verfallen

Der unerfüllten, sinnlos Liebesglück

Wenn Stimmen durch den Geiste hallen

Und quälen, stechen und verbrennen

was wir als Mut zum Leben kennen“



Während er die Worte spricht

Wird fahl des Königssohns Gesicht

Als er im Medaillon erblickt

Das Bildnis der geliebten Frau

Und schmerzhaft wird er sich bewusst

Weiß plötzlich sicher und genau

Das er trägt die größte Schuld

Als er die Liebenden zerrissen

Er liebte sie doch selbst so sehr

Wie konnte denn er selbst auch wissen

Das sie dasselbe auch empfand

Wenngleich auch nicht für ihn

Soviel Leid und Tod für Nichts

Hat seine Liebe eingebracht

Von Schuld und Schmerz zutiefst geplagt

Auch sein Geist versinkt in Nacht



Mit stockend Stimme dankt er dann

dem edlen Beduinen

Doch will jetzt nur alleine sein

und schnell hinfort von ihnen

Sein Sinnen wird auch wohl verstanden

Und ihm der schnellste Weg genannt

Zu nahgelegnen Hafenstadt

Die weit im Lande ist bekannt

Als letzte Gabe wird ihm dann

Ein Rappenhengst geliehen

Der bis zu Stadt wird hin ihn tragen

Und dann alleine ziehen

Finden wird den Weg zurück



So scheiden sie dann voneinander

Und der Prinz sprengt schnell hinfort

Doch nicht zur Stadt, wenngleich zur Küste

Sucht er doch einen andren Ort

Kaum zwei Tage geht sein Ritt

Da sieht er in der Ferne

Das blaue, endlosweite Meer

Das er einst mocht so gerne

Doch heute des Prinzen Sinnen

Nicht nach der Majestät Genuss

Zu tief, zu schwarz sind die Gedanken

Er spürt, das er vergessen muss



Er reitet zu den steilen klippen

Und gibt das edle Tier dann frei

Es jagt davon. Als würde es ahnen

Das es nicht gerne Zeuge sei

Von dem, was nun geschehen soll

Der Prinz erklimmt die steilen Hänge

Und sieht hinab aufs blaue Meer

Die tosend, schäumend wilden Wogen

Scheinen ihn zu rufen sehr

Scheinen Frieden zu versprechen

Vor weitrer, lebenslanger Qual

Rufen ihn in ihre Arme

In ein tiefes Wellental

Schweigend steht er auf der Höhe

Blickt schmerzgepeinigt dort hinabgeeilt

Und ohne Wort lässt er sich fallen

In das nasse, kalte Grab

Die Fluten öffnen sich vor ihm

Verschlingen ihn und seinen Schmerzhaft

Nicht weiter wird ihn jetzt noch quälen

Sein trauernd, schuldbewusstes Herz

Vorbei ist alles, alles Leid

Vereinigt ist er nun im Tod

Mit seiner Frau und der Gefährtin

Die er führte in die Not



Seine Liebe war Verhängnis

Schlimmer als der ärgste Hass

Doch auch sie ist nun vergangenen

Im kalten, tiefen, wilden Nass



-ENDE-

Poem - Ein Märchen Kapitel 5 - Wüstensand

V. WÜSTENSAND

Langsam dämmert licht es auf
In des Prinzens schlafend Geist
Das Schicksal, einmal wie so oft
Ihm heute ein Gunst erweist
So liegt er dann an fremden Landen
So weit er blickt nur Wüstenland
Sand, Sand soweit die Augen schauen
Ein scheinbar endlos langer Strand
Doch ward er nur allein gerettet ?
Das Mädchen und der Kapitän !
So macht er sich denn auf die Suche
Nach Überlebenden zu sehn
Er wandert ziellos an der Küste
Ohne wahres Ziel
Seine Hoffnung schwindet stetig
Gibt auf die Rettung nicht mehr viel
Da sieht er, im Sand des Ufers
Das Mädchen reglos ausgestreckt
Kein Zeichen zeugt von Geist und Leben
Was schlimme Ahnung in ihm weckt
Er eilt zu ihr und setzt sich nieder
Befühlt die wassernassen Glieder
Sucht sie durch Reden zu erwecken
Doch kann damit nichts bezwecken
Er fühlt den Puls, ob er zu spürn
Kann doch dies zu Aufschluss führn
Ja, ein flimmernd Flackern ist verblieben
Und auch ihr Atem, wenn auch schwach
Ist noch stetig, kleine Wunden
Was sie trägt dem Sturme nach
So trägt er sie hinauf den Strand
legt sie in den warmen Sand
Nur das ihr Leben wiederkehr
Ist momentan sein höchst Begehr
So wacht er denn den ganzen Tag
Ob sie sich denn besinnen mag
Und endlich, nach so langem Warten
Bewegt sie sich, die lang lag still
Der Prinz springt auf und hin zu ihr
Preisend seines Gottes Will
Langsam lichten sich die Nebel
In die ihr Geist fast ward gefangen
Viel zu nah an Gottes Pforte
Sind ihre Wege schon gegangen
Und sie öffnet ihre Augen
Geblendet sie vom grellen Licht
Das sie beide überlebten
Der Prinz kann’s scheinbar fassen nicht

Doch hat er nicht die Not vergessen
In die sie nun geraten sind
Durch der Piraten Rachegruß
Und ihren mächt’gen Zauberwind
Dies ist das Land von dem sie sprachen
Er und der Kapitän
Wie berichtet Sand um Sand
Und nirgendwo ein End zu sehn
Doch weiß er das nicht allzu weit
Vier Tagesmärsche wohl entfernt
Ein paar Nomadenstämme leben
Die Hilf und Wasser würden geben

So ziehen sie denn wieder fort
Beraubt von Hab und Gut
Gerettet nur das nackte Leben
Vor des Sturmes tobend Wut
Die Sonne brennt auf ihrer Haut
Wüstenland wohin man schaut
Es weht ein leichter, warmer Wind
Der ihre Spur verwischt geschwind

Der Prinz ist sich indes bewusst
Das Hoffnung kaum verblieben
Verloren scheint wen ohne Wasser
In die Wüste hat’s vertrieben
In dieser wilden Einsamkeit
In diesem Meer von heißem Sand
Schreiten tapfer Prinz und Mädchen
Durch der Sonne glühend Brand
Schweiß schmückt glitzernd ihre Haut
Und schon nach Wasser sie verlangen
Doch dürfen, können sie nicht trinken
Da grade erst ein Tag vergangen
So vergehen still die Stunden
Bis das die Sonne fast verschwunden
Und der Mond bald hell erstrahlt
Im fahlen Licht die Wüste malt
Sie schlagen auch in einer Senke
Sodann ihr nächt’ges Lager auf
Am Horizont versinkt die Sonne
In ihrem steten Himmelslauf
Rot und gelbe Feuerlanzen
Lassen mystisch Lichter tanzen
Von fremder Welt erscheint das Land
Ein Schauspiel, bisher unbekannt
Doch als auch dieses dann erlischt
Trifft Kälte sie fast wie ein Schlag
Erinnert sie an ihre Lage
Und das vergangen ist der Tag
Eng an eng, sich Wärme spendend
Schlafen sie erschöpft bald ein
In Träume sind sie schnell entflohen
Unter Mondeslichteschein
Sand und Staub weht schmeichelnd um sie
Hüllt sie ein und deckt sie zu
Ein leichter Wind durchstreift die Senke
Findet sie in tiefer Ruh

Als der nächste Morgen kommt
Kann man fast nur noch Sand erspähn
Am Platze, wo die beiden lagen
Wo man konnt sie schlafen sehn
Ein feines Tuch hat sie bedeckt
Sich über ihnen ausgestreckt
Doch schnell befrein sie sich von ihm
Und teiln ihr letztes Wasser auf
Nun liegt’s nicht mehr in ihren Händen
Der Geschichte weitrer Lauf
Wieder wandern, fast schon schwanken
Die beiden durch das Wüstenmeer
Sengend heiß die Sonnenstrahlen
Sprechen können sie nicht mehr
Sand brennt stechend in den Augen
Trübt den schon geschwächten Blick
Nur ihr Wille lässt sie laufen
Lässt sie ertragen ihr Geschick
Da glauben, scheinen sie zu sehn
Wonach sie ohne Pause flehn
Ein paar Palmen still verkünden
Das Wasser sie hier werden finden
Berauscht von dieser neuen Hoffnung
Suchen sie schnell zu erreichen
Diesen Ort mit labend Nasse
Wo ihr Durst wird endlich weichen
Doch als sie schließlich angelangen
Sehen sie, das sie verfangen
Das sie erlagen der Vision
Denn nirgendwo ist hier der Lohn
Ein Bild, nur eine Fantasie
Eine Spiegelung der Luft
Immer nur noch feiner Sand
Anstatt der Pflanzen frischer Duft

Doch muss ihr Weg sie weiter führen
Solange sie noch Leben spüren
Ist ihre Hoffnung nicht verloren
Die aus Verzweiflung ward geboren
Stund um Stund vergeht
Die Zeit streicht still vorbei
Unter glühend Sonnenstrahlen
Scheint die Suche nun vorbei
Wankend, torkelnd ihre Schritte
Zwei kleine Punkte in einem Meer aus Sand
Klein, allein, wahrhaft verloren
In diesem wüsten, leerem Land
Da rutscht die Maid im Sande aus
Und stürzt die Dünung schnell herab
Und dieser Fall scheint fast ihr letzter
Denn schon wartet hier ihr Grab
Der Sand unter ihren Füssen
Verschwimmt und kann sie niemals tragen
Auf diesem sehr gefährlich Grund
Kann sie es nicht mehr wagen
Sich zu regen, zu bewegen
Versucht sich reglos hinzulegen
Doch stetig versinkt sie immer weiter
Schon ist zur Hälfte sie verschwunden
Der Prinz ist längst hinabgeeilt
Doch hat Rat noch nicht gefunden
Er kann nicht, schafft nicht zu erreichen
Ihre Hand, die ausgestreckt
Unerbittlich sinkt sie tiefer
Und keine Hilfe er entdeckt
Er muss hilflos mit ansehn
Wie der Sand sie denn verschlingt
Sie verschluckt und still vertilgt
Ihr ein qualvoll Ende bringt
Sie sieht ein allerletztes Mal
In des Prinzens Augen
So schnell kommt also schon ihr Ende
Die Freiheit scheint ihr nichts zu taugen
Sie sieht das rettungslos sie ist verlorn
Und schweigt, wartet auf den Tod
Vielleicht, so kommt ihr der Gedanke
Errettet sie ihn aus der Not
Die ohne Wasser sie erwartet

Zeit scheint endlos sich zu dehnen
Beide nach dem Leben sehnen
Das sich still von dannen schleicht
In dem sie beide nicht erreicht
Was ihr größter Wunsch, ihr Ziel
Geblieben wirklich nicht mehr viel
Und schon schließt des Sandes Decke
Nichts zeugt mehr, was hier geschah
Keine Spur mehr von dem Mädchen
Nichts erinnert, was er sah
Der Prinz der nun alleine kauernd
Hoffnungslos im Sande liegt
Scheint seinen Lebenshauch zu sehen
Der stetig schneller ihm entflieht
Er schließt die Augen will nun schlafen
All die Not und Tod vergessen
Will nicht länger mit dem Schicksal
Sich im grausam Zweikampf messen

Hat sich ergeben, ist geschlagen
Und sein Mut scheint nun besiegt
Zu schwach, zu müde seine Glieder
Um weiter wieder fort zu gehn
Den letzten Mut hat ihm geraubt
Was grad er musste hilflos sehn
Der Sand fliegt auf und deckt ihn zu
Wispert still von ew’ger Ruh
Und heiß die Sonne brennt herab
Auf das wüste, staubig Grab
Und durch die Lüfte kreisen lauernd,
Geier, spähend, wo er kauert

Da fällt ein Schatten auf die Düne
Und kühl umfängts den jungen Mann
Er wagt es kaum, die Aug zu öffnen
Zu schaun, was Hoffnung bringen kann

Ein Späher von den Beduinen
die stolz und keinem König dienen
Gekleidet ganz in weißes Tuch
Das Gesicht zum Schutz bedeckt
Und funkelnd, glänzend in der Sonne
Ein Schwert in seinem Gürtel steckt
So steht er auf der Düne Kamm
Und schaut zum Königssohn herab
Und eilt zu ihm und gibt ihm Wasser
Bewahrt ihn vor dem Wüstengrab
Gierig labt der Prinz sich nun
An dem gebotnen Nass
Es scheint als ob er seine Rettung
Noch immer gar nicht wirklich fass
Sein Retter hilft ihm schließlich auf
und führt, nein trägt gar fast ihn fort
Zu seinem Pferd, auf das es bringe
Sie fort von diesem Unglücksort

Sie reiten wohl noch zwei, drei Stunden
Durch der Wüste heißen Sand
Da zeigt am Horizont sich endlich
Begrüntes und belebtes Land
Als der Prinz das Dorf des Spähers
In der Ferne vor sich sieht
Erneut umfängt ihn schwarzer Schatten
und sein Geist ihm schnell entflieht

Als er endlich, Stunden später
Die Augenlider hebt
Liegt er in einer kleinen Hütte
In der sein Retter scheinbar lebt
Vor sich sieht er Speis und Trank
Und nimmt die Gabe gerne an
Es ist als ob an schönres Mahl
Er niemals sich erinnern kann
Gesättigt schläft er wieder ein
Vergangne Mühen sind nun fern
Flieht in Schlaf er nur zu gern
Tief und traumlos ist sein Ruhen
Wohl zwei Tage schläft er fest
Bis das sein Retter ihn dann schließlich
Von seinem Weibe wecken lässt

Poem - Ein Märchen Kapitel 4 - Am Meer

IV. AM MEER

So vergehen denn die Tage
Und das Mädchen stellt die Frage
Wann das Meer zu sehen sei
Sie sehnt danach, seit er ward frei
Er hebt den Kopf und zeigt nach vorn
Und spricht dann, hin zu ihr gewandt
„Habt keine Sorge, denn schon bald
endet dieses grüne Land
Hinter jenem fernen Hügel
Wirst das Meer du vor dir sehn
Doch plagt mich eher noch die Frage
Was mit uns soll danach geschehn?!“
Alsbald erreichen sie den Ort
Auf den der Königsohn gezeigt
Und als die Kuppe sie erklommen
Die Räuberstochter starrt und schweigt
Auf Blau, so weit das Auge reicht
Nichts andres bis zum Horizont
Weiter als sie sich’s erträumte
Als sie jemals ahnen konnt
Und nicht weit, vor ihren Füssen
In einer eingeschnittnen Bucht
Sehn sie Tir-Nagalo liegen
Das letzte Ziel so mancher Flucht
Groß und reich ist diese Stadt
Wo ein zahlreich Volke lebt
Wenngleich dem Großteil dieser Leute
Nicht wenig Dreck am Stecken klebt
Doch trotz der drohenden Gefahren
Blüht der Handel stetig auf
Denn Händler aller Herren Länder
Stelln ihre Waren zum Verkauf
Niemand kann mehr heute sagen
Ob’s gewollt, ob’s Zufall war
Dass Tir-Nagalo hier entstanden
Vor ungezähltem, langem Jahr
An diesem wohlgewählten Platze
Der Treffpunkt vieler Wege ist
So kommt es, das hier Schätze lagern
Die das Auge nie vergisst
In ihren ungezählten Straßen
Auf ihren Plätzen, in den Gassen
Gibt’s Wunderdinge zu bestaunen
Die der Geist kann kaum erfassen
Im Gedränge der Basare
An Ständen von zu großer Zahl
Findet man, was man begehret
Hat die berühmte Qual der Wahl
Ob Seide aus dem fernsten Osten
Ob Hölzer aus dem Regenwald
Ob Gewürze feinster Sorten
Alles kann man finden bald
Auf dem größten aller Plätze
Wird gehandelt Mensch und Tier
Regenbogenfarbne Vögel
Als exotisch schöne Zier
Sklaven aller Altersstufen
Werden hier laut ausgerufen
Jedes Alter und Geschlecht
So das für jeden etwas recht

Der Prinz und auch die Räuberstochter
Blicken auf die Stadt hinab
Geben ihrem Pferd die Sporen
Hinunter nun in schnellem Trab
Im Schatten starker, steinernd Mauern
Die die wehrhaft Burg umgeben
Siedeln all die einfach Leute
Fristen hier ihr hartes Leben
Keiner achtet auf die Reiter
Lang schon ist es nicht mehr neu
Das Fremde in den Straßen reiten
Niemand zeigt geringste Scheu
Auf den sandig, staubig Straßen
Erreichen sie der Festung Tor
Geschäftges, munteres Gemurmel
Dringt von überall ins Ohr
Ihr Ziel ist heut der große Hafen
Ein Schankhaus und ein weiches Bett
Dazu ein gut gekühltes Bier
Macht die Strapazen fast schon wett
Am nächsten Morgen, so ihr Plan
Wolln sie versuchen zu erfahrn
Wohin die ganzen Schiffe reisen
Und zu welchen Mitfahrpreisen
Fast bricht der Abend schon herein
Und der Sonnenstrahlenschein
Versteckt sich in der Dämmerung
Nebel hüllt in Grau die Straßen
Die das Licht verschwinden lassen
Hier und da erhellt von Flammen
Die von lodern Fackeln stammen
Da merken oder besser riechen sie
Dass sie dem heutgen Ziele nah
Denn solch ein starken Fischgestank
Kommt gewöhnlich nur von da
Richtig, kaum noch hundert Schritte
Da sehen vor sich sie ein Schild
Gastwirtschaft ’Zum grünen Hering’
Dazu das dementsprechend Bild
Als den Schankraum sie betreten
Ist er nicht voll, doch auch nicht leer
Ein Dutzend Gäste sind versammelt
Ein Platz zu finden ist nicht schwer
So sitzen dann bei Bier und Braten
Gemütlich sie beisammen
Da tritt ein neues Grüppchen ein
Das nicht von hier kann stammen

Schwarz wie Kohle ihre Haut
Mit wirrem, krausem Haar
Selten sah man solche Menschen
Wohl die ersten dieses Jahr
Nicht weit entfernt von Maid und Prinz
Setzen sie sich nieder
Sind erschöpft und sichtbar glücklich
Der Erholung ihrer Glieder
Staub und Sand klebt am Gewande
Das von ihnen jeder trägt
Männer sind es, wahre Riesen
Mit denen keiner gern sich schlägt
Neugier packt den jungen Prinzen
Allzu gerne wüsst er mehr
Wer diese fremden Menschen seien
Intressierst ihn wirklich sehr
Vielleicht, wenngleich er kann’s nicht glauben
Könn sie ihm seine Sorgen rauben
Mag sein, das all offnen Fragen
Durch sie ihn nicht mehr weiter plagen
Denn wer kann denn schon sicher wissen
Ob sie nicht fern in fremden Landen
Auf einer ihrer vielen Reisen
Des Rätsels Lösung fanden
Sein Blick sagt ihm, das sie zum Stand
Zur Zunft der Handelsleute zähln
So hofft er denn, das eben diese
Zur ihrem Gaste ihn erwähln
Und wenig Zeit ist nur vergangen
Da sind die Fremden ganz gefangen
Im Gespräche mit dem Prinzen
So hört er denn, ganz wie vermutet
Das Kaufmannsleute alle sind
Und dass es möglich, das sie ahnen
Wo er gute Hilfe find
Denn in ihrem Heimatlande
Befindet an geheimem Ort
Sich ein allwissendes Orakel
Streng geschützt für immerfort
Doch ist es nicht unmöglich
Als Fremder einfach vorzusprechen
Für Freunde, wie er ihn jetzt nennt
Kann man ein paar Regeln brechen
„Begleitet uns auf unsrem Schiff
Morgen segeln wir gen Heimatland
Wollt ihr als Gäste uns begleiten
Findet zeitig euch am Strand
Dort wird ein Beiboot auf euch warten
Und euch bringen dann an Bord
Und mit der nächsten frischen Brise
Segeln wir vom Lande fort!“
Der Prinz ist sichtlich hoch erfreut
Und so wird noch mal nachbestellt
Ein lust’ger Abend, könnt man sagen
So, wie es einem wohl gefällt

Am nächsten Morgen, wie versprochen
Holt man sie im Beiboot ab
Mit den Pferden und Besatzung
Wird zwar der Platz ein wenig knapp
Doch schnell sind sie an Bord des Schoners
Der kurz darauf die Anker zieht
Und mit dem Winde pfeilschnell segelnd
In das offne Meer hinflieht
Nicht lange währt es und das Ufer
Scheint kaum mehr als Illusion
Zu weit entfernt, um zu erkennen
Zu weit gefahren sind sie schon
Der Kapitän des schnellen Schiffes
Ist ihnen ja schon gut bekannt
Er war unter jenen Männern
Die der Prinz im Gasthaus fand
Während ihrer langen Reise
Zeigt er ihnen was er lädt
Und nach einem Gang ins Lager
Der Prinz das Lächeln wohl versteht
Das Schiff ist voll bis hin zum Rand
Mit allerfeinsten Waren
Gewürze, Hölzer und Gewänder
Und Dinge die er nie gekannt
Ein reicher Mann ist zweifelsohne
Wer dieses all sein Eigen nennt
Und der Königssohn ist sich gewiss
Das er diesen Glückspilz kennt
Dies alles hier gehört dem Führer
Des Schiffes, der bei ihnen steht
Es bleibt für ihn nur noch zu hoffen
Das alles seiner Wege geht
Und kein Räuber und Pirat
Von diesem Schatz erfahren hat

Ereignislos verläuft die Fahrt
Kein andres Segel lässt sich sehn
Es scheint ganz so, als könnte nimmer
Noch irgendetwas hier geschehn
Und schon zeigt sich am Horizont
Ein grauer Streifen, scheinbar Land
Worauf der Prinz den Schwarzen fragt
Ob dieses sei ihm denn bekannt
„Jawohl, doch lasst euch von mir sagen
darüber gibt’s nicht viel zu fragen
Nur Sand und Sand wohin man blickt
Verloren wen man dorthin schickt
Zwei Tage müssen wir noch fahren
Bis wir erreichen unser Ziel
Bedenkt man dann die Reisedauer
Erscheinet es nicht allzu viel
Übt also euch noch in Geduld
Bis wir den Hafen denn erreichen
Doch horcht, wer ruft vom Mast herunter
Was gibt er für ein Zeichen ?“
„Piraten!!“ schallt es laut von oben
„Piraten!! Backbord, nicht mehr fern“
Der Kapitän springt fluchend auf
Die Burschen will er Mores lehrn
Denn er ist nicht ohne Waffen
Schwert und Axt kann er noch führn
Solln sie wagen, solln sie kommen
Werden seine Wut verspürn
Doch besser wär es zu entfliehen
Drum lässt er alle Segel ziehn
Nun ist’s zwar schnell, doch andre schneller
So sind die Räuber bald heran
Schon trennen sie kaum hundert Schritte
Und sie man singen hören kann
Wie sie rau mit ihren Kehlen
Ein Schlachtlied zu dem Gegner brüllen
Wolln die Herzen ihrer Opfer
Mit Angst und Panik wohl erfüllen

„Tanzt ihr Klingen
Tanzt im Winde
Tanzt mit Freude
Tanzt geschwinde
Sprühet Feuer
Sprühet Funken
Im Blutes Rausche
freudentrunken
Schneidet Fleisch und trennet Sehnen
Vergießet hunderttausend Tränen
Tanzt im Strom des Schlachtgesangs
Tanzt im Wirbel seines Klangs
Tanzt, bevor er sich verzieht
Tanzt und singet euer Lied“

So klingt’s vom andren Schiff herüber
Das stetig die Distanz verkürzt
Gleich einem Habicht oder Adler
Der sich auf seine Beute stürzt
Beiden Seiten spannen Bögen
Auf das ihre Pfeile flögen
Und reichlich ernten wo sie fliegen
Hier kann heut nur einer siegen
Nun sind sie fast schon Bord an Bord
Unausweichlich Raub und Mord
Lange Haken , feste Stricke
Ziehn das Handelsschiff heran
Es scheint auf jeden Fall unmöglich
Dass dieser Fang entkommen kann
Und schon springen die Piraten
An Deck mit Schwertern in der Hand
Und kaum ein Augenblick verstrichen
Bis sich der erste Gegner fand
So kommt es dann zum Handgemenge
Zum Kampf auf Leben oder Tod
Und die Besatzung dieses Schoners
Befindet sich in höchster Not
Da kommt der rettende Gedanke
„Kappt schnell die Taue die uns halten !
Sonst ist unser Tod beschlossen
Denn hier wird niemals Gnade walten
Wenn das Schiff erst wieder frei
Die Flucht nicht allzu schwierig sei
Dann keinem Räuber mehr gelingt
Das er zu uns herüber springt
Zu viel Piraten sind gefallen
Als das sie könnten hinterher
Mehr Männer braucht ihr Schiff zum Segeln
Es ist zu manövrieren schwer !“
So spricht der Kapitän im Kampfe
Und wie gesagt wird es getan
Unter großen Müh und Schrecken
Befreien sie sich von dem Kahn
In Windeseil schwimmt es davon
Schon trennen hundert Schritte sie
Da erhebt an Bord der Schiffe
Ein wütend Heulen sich wie nie
Getrennt sehn nun sich die Piraten
Gefoppt durch diesen kleinen Streich
Mag sein, das sie jetzt ernten Tote
Anstatt zu werden endlich reich
Denn auch die Händler können kämpfen
Und so ist schon nach kurzer Zeit
Niemand von den wilden Männern
Zum Widerstande mehr bereit
Wer nicht im Kampfe ward erschlagen
Muss sich auf die Planke wagen
Und wird der Haie nächste Speise
Denn dies ist ihre letzte Reise
Zwar gibt’s auch Opfer zu beklagen
Doch überwiegt das Glück der Flucht
Denn nirgendwo zeigt sich das Segel
Des Schiffes, das nach ihnen sucht

Derweil sind aber die Piraten
Nicht sinnlos hinter ihnen her
Ihre Rache zu erlangen
Fällt ihnen trotzdem gar nicht schwer
Denn ist ein Magier unter ihnen
Der zwar den Kampf bisher gemieden
Doch nun lässt seine Kräfte walten
Um der Händler Tod zu schmieden
Er steht am Bug des Räuberschiffes
Die Augen sehn zum Himmel starr
Beginnt zu flüstern eine Formel
Das Bild des Schoners stets gewahr
Und seine Stimme hebt sich weiter
Vom Flüstern fast zum Schreien schon
Und man hört nun laut und deutlich
In gar geisterhaftem Ton

„ Komm Sturm des Nordens
Mit deinem kalten Atem
Und deinem Herz aus Eis
Komm Sturm des Südens
Gleich einem Feuerstrom
fegst du hinfort und brennst, verzehrst
Komm Sturm des Ostens
Der du der Weiten Herrscher bist
Wo dein Lied die Luft mit Kraft erfüllt
Komm Sturm des Westens
König der Meere, Fürst des Regens
Der du den Himmel weinen lässt
Komm Sturm des Geistes
Der in Schwärze wiederhallt
Und tosend, brüllend vorwärts weiter treibt

Kommt ihr Stürme, fünf die Zahl
Vereinigt euch ein letztes Mal

STURM DER MACHT
KOMM NUN
ERSCHEINE !“

Da verkündet tiefe Stille
Die starke Macht, die denn sein Wille
Des Sturmes Toben auferlegt
Und ihm bestimmt wohin er fegt

Indes der Schoner weiter treibt
Nicht ahnend, was da kommen mag
Ohne Angst und ohne Furcht
Wartend auf den nächsten Tag
Noch ist der Himmel blau und weit
Gefahrvoll kaum zu dieser Zeit
Wenngleich am Horizont sich türmen
Boten von sich nähernd Stürmen
Doch innerhalb von Augenblicken
Zu tiefster Schwärze wird das Blau
Und die Segel blähen sich
Reißen hart an Mast und Tau
Glänzend, schäumend Wellenkämme
Sprühen weiße Meeresgischt
Und schlagen stetig immer höher
Als auch das letzte Licht erlischt
Und jeder Laut und jedes Wort
Vom Toben wird gerissen fort
Wellenberge stürzen nieder
Auf des Schiffes hölzern Glieder
Spülen Menschen über Bord
Zerfetzen Segel, Tau und Tuch
Ein Entkommen ist unmöglich
Denn es bleibt nicht ein Versuch
Hilflos ausgesetzt dem Wüten
Der Gewalten der Natur
Hilft kein Hoffen und kein Beten
Angst und Schrecken bleiben nur
Und eine neue Wellenberg
Türmt sich unter ihnen auf
Meterhoch hinauf gehoben
Nimmt das Schicksal seinen Lauf
Denn vor ihrem Angesichte
Öffnet sich die Meeresflut
Und sie stürzen und zerschellen
An des Sturmes wilder Wut
Die Wogen schlagen auf sie nieder
Brechen splitternd Mast und Bord
Und der Wellen wütend Toben
Reißt Mann und Maus vom Schiffe fort
Die Balken krachen, der Rumpf zerbricht
Die Takelage verbogen
Vorbei die Herrlichkeit des Schoners
Ein Opfer wilder Wogen
Im Griff der kalten Wassermassen
Des Prinzens Sinne ihn verlassen
Und mit dem letzten seiner Kraft
Er fast besinnungslos es schafft
Ein Planke zu ergreifen
Und Dunkel kommt ihn wegzuschleifen