Mittwoch, 22. Juni 2011

Archiv 5: Über den Egoismus

Was ist Egoismus ?
(Ein älterer Text, entstanden während meines Studiums.)

Zunächst einmal gilt es zu untersuchen, was wir landläufig unter dem Begriff Egoismus verstehen. Das etymologische Wörterbuch des Dudenverlags verzeichnet unter Egoismus „Selbstsucht, Eigenliebe“ und unter Egoist „selbstsüchtiger Ichmensch“. Beide Wörter wurden im 18.Jh. Aus frz. égoîsme bzw. égoîste entlehnt und relatinisiert. Es sind gelehrte Neubildungen zu dem lateinischen Personalpronomen ego „ich“ das mit entsprechend dt. ich urverwandt ist.
Dazu das Adjektiv egoistisch „selbstsüchtig“ (18.Jh.). Als Bestimmungswort erscheint lat. Ego ferner in der gelehrten Zusammensetzung egozentrisch „ ichbefangen, ichbezogen, das eigene ich in den Mittelpunkt stellend“ .

In der theologischen Diskussion wird Egoismus oft als Synonym für die Abwendung von Gott durch Hinwendung zu sich selbst verstanden. Was sind nun Eigenschaften des Egoismus, also in welchen Formen zeigt er sich. Ich will versuchen, hier an Beispielen verschiedene Ausprägungen der Selbstsucht aufzuzeigen.
Man betrachte zunächst den Neid. Neid entsteht aus Angst vor Mangel. Wenn wir jemandem etwas neiden, dann betrachten wir das Geneidete als notwendig für unsere eigenes Glück. Wir haben Angst davor, das solange es uns an dem Gewünschten mangelt, wir nicht glücklich sein können. Aus dieser Angst entsteht das selbstsüchtige Streben das eigene Glück über das des anderen zu stellen.
Auch die Gier entsteht aus dem Motiv der Angst vor Mangel und läßt sich analog zum oben genannten Beispiel leicht als Ausdrucksform des Egoismus erkennen. Die Angst vor der Armut läßt das Streben nach Gütern entstehen, aus der Annahme heraus, das Reichtum & Glück untrennbar miteinander verknüpft sind.
Ähnliches zeigt sich sowohl beim Hochmut als auch beim Märtyrertum. Beides sind Ausdrucksformen der Angst vor Mangel, in diesem Falle vor Mangel an Liebe.
Der Hochmütige erhöht sich selbst in der Annahme, das dies notwendig sei um Liebe und Anerkennung zu erlangen. Der Märtyrer hingegen erniedrigt sich nur scheinbar. Denn durch seine Erniedrigung versucht er die Aufmerksamkeit und den Respekt seiner Mitmenschen zu erlangen, ausgehend von der Ansicht, das er sonst keine Liebe verdienen würde.
Die Liste ließe sich an dieser Stelle schier endlos fortsetzen, doch die Beispiele reichen, um zu illustrieren, das Ursprung des Egoismus in der Angst zu finden ist.

Der egoistische Mensch zweifelt an der Liebe Gottes. Er glaubt zu erkennen, das die Erringung seines Glückes durch bloßes Verharren in der Liebe und Hinwendung zum Inneren gefährdet ist und beschließt folglich, mit eigener Kraft für sein Glück zu sorgen. Er sieht die Probleme der Welt und kann nach Betrachtung dieser nicht weiter darauf vertrauen, das tatsächlich alles sinnvoll und gut ist. Er versucht darum alles um die Welt nach seinem Wunsch umzugestalten und besser zu machen. Sei es dadurch, das er angesichts der Armut der Welt alles daran setzt dieser zu entfliehen oder auch dadurch, das er die Sünden der Menschheit anprangert und alles zu ändern versucht.
Er wagt den Versuch, durch sein eigenes willentliches Handel sein höchstes Glück zu erreichen.

Das erste große Problem zeigt sich bei der Untersuchung des Begriffes des höchsten Glücks.
Alles was nur bedingt erreicht werden kann und wandelbar ist, ist vergänglich.
Ich besitze das Glück des Reichtums nur dann, wenn die Bedingung erfüllt ist, das ich Geld oder Besitz mein eigen nenne. Wenn die Bedingung nicht mehr erfüllt ist, was durch mannigfaltige Ursache geschehen kann und zudem spätestens mit dem Tod gegeben ist, geht mir dieses Glücksgefühl verloren.
Ich besitze das Glück der Familie nur dann, wenn die Bedingung erfüllt ist, das es meiner Familie und meinen Liebsten gut geht. Wenn die Bedingung nicht mehr erfüllt ist, durch Unfall, Krankheit oder wiederum durch das Ende der körperlichen Existenz, geht mir auch dieses Glücksgefühl verloren.
Darum ist alles was nur bedingt erreicht werden kann und wandelbar ist, vergänglich.
Darüber ist aber ein unbedingtes & unwandelbares Glück vorstellbar.
Damit meine ich die vollkommen Liebe.
Wer um der Liebe Willen liebt, erlangt unwandelbares Glück.
Der menschliche Geist hat die Fähigkeit, unbedingt zu lieben.
Kein Schicksalsschlag, keine Krankheit und selbst der Tod nicht können den Liebenden nicht von der Liebe trennen, auch Armut und Not vermögen sie nicht zu wandeln.
Die Liebe als Eigenschaft des Geistes (siehe Fragen über Geist & Seele) ist die Ausdrucksform des Vollkommenen. Diese ist nur im vollkommenen Geist und damit bei & durch Gott zu erlangen.
Da die Liebe nun das unwandelbare und damit höchste Glück ist, so ist es also nur bei Gott zu finden, da nur er die Eigenschaft der Unwandelbarkeit hat.

Der Egoismus als Selbsterhöhung sucht durch Abwendung von Gott und Hinwendung zu sich selbst nach unwandelbarem Glück, welches aber nur bei Gott zu finden sein kann.
In diesem Sinne ist der vollkommenste Egoismus aber die Liebe, aus der Erkenntnis heraus, das die nur die Liebe zum höchsten persönlichem Glück führen kann. Das was für Einen selbst das Beste ist, ist dabei aber zusätzlich auch das Beste für die Welt.

Vielfach wird der Egoismus mit dem Bösen gleichgesetzt. In diesem Sinne könnte man also davon sprechen, das die höchste Erfüllung des Bösen im Guten liegt.



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