(Ein älterer Text, entstanden während meines Studiums)
Warum gibt es Böses auf der Welt, wenn Gott doch gut ist
Diese Frage wird allgemein unter dem Begriff Theodizeeproblem behandelt. Ich durfte mich auf Grund eines Referats näher mit der Auffassung beschäftigen, die Aurelius Augustinus gegenüber dieser Problematik vertrat. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse will ich nun im Folgenden darzulegen versuchen.
Vielleicht zunächst kurz ein paar biographische Informationen, damit diese Ansicht besser in den zeitlichen Kontext einzuordnen ist. Aurelius Augustinus wurde am 13.11.354 im heutigen Souk Ahras in Algerien geboren, das damals Thagaste hieß und zu Numidien gehörte. Seine Schulzeit und sein Studium verbrachte er ebenfalls in Nordafrika, genauer in Thagaste, Madaura & Karthago. Nachdem er seine Ausbildung im Jahre 373 beendet hat, vergehen aber noch 18 Jahre, bis er sich 391 zum Priester weihen läßt und 395 gar Bischof von Hippo wird. Bei der Belagerung der Stadt durch die Vandalen stirbt Augustinus am 28.8.430.
Seine Auseinandersetzung mit dem Theodizeeproblem betreibt er u.a. in einem Text mit dem Titel „Der unselbstständige Charakter des Bösen“. Dieser Text wird auch die Grundlage sein, an der ich versuchen werde, seinen Gedankengang nachzuvollziehen.
Die von ihm als Voraussetzung gegebene Ansicht, das ein unwandelbares Gut existiert, welches der eine, wahre, selige Gott ist, muss als Grundlage für jede weitere Betrachtung gesehen werden. Was kann nun aus dieser Prämisse gefolgert werden ? Zum Einen spricht er davon, das jenes Gut unwandelbar und einzig ist. Das heißt, das Gott als gegenwärtig vorgestellt werden muss, da durch die Unwandelbarkeit jegliche Veränderung als Grundlage von Zeitlichkeit fehlt. Wenn es zudem einzig ist, ihm also jegliches Gegenüber fehlt, so ist er auch als vollkommen zu bezeichnen, denn wo nur eines ist, muss dieses Eine Alles sein. Wenn er Alles ist, so ist er auch immer absolute Wahrheit, da außer ihm nichts ist, was sonst Wahrheit sein könnte. Die Bezeichnung selig resultiert ebenfalls aus seiner Einzigartigkeit. Selig kann als „wohlgeartet, gut, glücklich, gesegnet,heilsam“ übersetzt werden. Wenn Gott als vollkommen angenommen wird, so kann ihm nichts fehlen. Wenn ihm nichts fehlt, so kann er auch nach nichts verlangen und empfindet jederzeit gegenwärtiges Glück, weil er ja alles jederzeit in sich birgt. In diesem Sinn ist Augustinus Aussage zu verstehen, das ein unwandelbares Gut existiere, welches der Eine, wahre, selige Gott sei.
Dieser eine, wahre & selige Gott erschafft die Schöpfung aus dem Nichts heraus. Aufgrund ihrer Schöpfung durch Gott ist diese wesenhaft gut, hat aber aufgrund ihres Anteils am Nichts die Eigenschaft wandelbar zu sein. Diese Wandelbarkeit ist unbedingt notwendig, denn sonst hätte die unvollkommene Schöpfung ja nie die Möglichkeit, sich zurück zur Vollkommenheit zu entwickeln. Dies ist dann auch der nächste Punkt, auf den Augustinus hinweist, wenn er davon spricht, das der Mensch die Möglichkeit hat, durch Hinwendung zu Gott an diesem Anteil zu nehmen und wieder seine Seligkeit zu erfahren. Aufgrund dieser Möglichkeit der Rückbesinnung ordnet Aurelius dem Menschen bzw. der Schöpfung eine hohe Wertigkeit zu, wenngleich diese doch immer unter Gott rangiert. An dieser Stelle verwendet er ein Bild, um die Hierarchie innerhalb der Schöpfung deutlich zu machen. Er vergleicht das Verhältnis der Augen zu allen anderen Organen mit dem Verhältnis des Menschen zum Rest der Schöpfung. So wie die Augen aufgrund ihrer Wahrnehmungsfähigkeit eine hohe Wichtigkeit innerhalb des menschlichen Körpers hat, so hat der Mensch aufgrund seines Bewusstseins eine wichtige Position in der Schöpfung. Nichtsdestotrotz könnten die Augen ohne die anderen Organe des Körpers ihre Aufgabe kaum erfüllen, so wie der Bewusstheit nichts nützt, wenn nichts da ist, was bewusst gemacht werden kann. Die Bewusstheit steht also in der Hierarchie zwar höher als Unbewusstheit, jedoch hat jegliches seinen Platz und sein Existenzrecht.
Gesetzt der Fall, jeder Mensch strebt nach vollkommenen Glück, so kann er dies nicht in der Wandelbarkeit erreichen, da die Wandlung auch eine Veränderung seines Glücksgefühls mit sich bringen würde. Dauerhaftes Glück kann also nur in der Unwandelbarkeit erreicht werden und diese ist nur bei Gott zu finden. Festzuhalten bleibt also, das die einzige Möglichkeit des Menschen unwandelbar glücklich zu sein, darin liegt, durch Anhangen an Gott an dessen Seligkeit teilzuhaben.
Wenn nun aber der Ursprung und das Ziel allen Strebens in Gott liegt, so verfällt derjenige, der sich von Gott abwendet, in ein Verhalten wider seiner Natur, denn es ist , so glaube ich, nicht plausibel, das es in der Natur des Menschen läge, unglücklich zu sein. Der Unterschied zwischen einer Gott zugewandten und einer Gott abgewandten Lebensweise liegt also darin, das die erstere versucht, Glück dadurch zu erlangen, das es im Einklang mit seiner Natur zu leben versucht, während der zweite durch Selbsterhöhung dieses Glück zu finden versucht, das ihm aber aufgrund seines naturwidrigen Verhaltens versperrt bleibt.
Aber die Diskrepanz zwischen dem Glück des Gottzugewandten und dem Unglück des Gott Leugnenden birgt in sich eine wichtige Erkenntnis. Erst durch die Tatsache, das durch die Selbstzugewandtheit des Menschen das unwandelbare Glück nicht zu erreichen ist, kann dieser wieder zurück zu Gott finden. Als interessantes Buch in diesem Zusammenhang kann ich nur Paulo Coelhos „ Der 7te Berg“ empfehlen, in dem dieses Motiv als Handlungsgrundlage verwendet wird. Das Erleben der Unbefriedigung durch das von Gott abgewandte Leben führt einen jeden schlussendlich zur Erkenntnis, das die gottzugewandte Lebensweise eindeutig vorzuziehen ist, da nur sie ein unwandelbares Glück verheißt. Der Kontrast betont also die hohe Wertigkeit der Zugewandtheit.
Daraus folgt aber auch, das eine Kritik an den Formen der Gottesleugnung, also an jeglichem Fehler, immer ursprünglich ein Lob der Natur darstellt. Wenn ich jemandem sein Fehlverhalten vorhalte, dann kann ich das nur, wenn ich einen Unterschied zwischen dem feststelle, was ich als sein natürliches Verhalten ansehe und dem, wie er sich mir gegenüber präsentiert. Eine Kritik ist immer ein Lob der Natur im Vergleich zum tadelnswerten momentanen Verhalten.
Als Zwischenfazit könnte man zusammenfassen, das der Grund allen Übels in der Trennung von Gott liegt, diese Trennung jedoch in sich den Keim der Rückbesinnung birgt.
Im folgenden Verlauf seiner Ausführungen widmet sich Augustinus den Fragen, zum Einen ob ein Absolutes Böses möglich ist und zum Anderen, worin denn nun der Grund der Fehlerhaftigkeit liegt.
Aurelius behauptet, das das absolut Gute möglich ist, während das absolut Böse nicht vorgestellt werden kann. Begründet sieht er dies in der Struktur des Bösen. Da das Böse eine Wegnahme oder Verminderung des Guten ist, kann es nur dann existieren, wenn da etwas ist, was gemindert und bekämpft werden kann. Mit anderen Worten könnte man das absolut Gute als vollkommene Bejahung, das absolut Böse im Vergleich dazu als Vollkommene Verneinung bezeichnen. Darum ist das Absolut Böse als alleinstehende Größe im Gegensatz zum Absolut Guten nicht vorstellbar.
Augustinus wählt in diesem Fall das Bild, das die böse Verderbtheit die gute Natur ummantelt. Wenn nun aus dem negativen Verhalten Konsequenzen resultieren, die als Strafe empfunden werden, so dienen sie doch der Bewusstwerdung der ursprünglichen guten Natur. Gottabgewandtes Verhalten ist ein Fehler und Fehler, die bewusste Wesen begehen sind stets Willensfehler, also Fehler, die nicht in der Natur, sondern im Willen beheimatet sind.
Er geht davon aus, das dem ersten Bösen Werk ein Böser Wille zu Grunde liegen muss. Dabei sucht er nach dem Auslöser dieses ersten Bösen Willens und forscht nach der Beschaffenheit dessen. Wenn dieser Ursprung einen guten Willen hat, so sagt er, das, da aus Gutem nichts Böses entstehen kann, ein unlösbarer Widerspruch entstehen würde, so das der Ursprung keinen Guten Willen haben kann. Wenn nun aber der Auslöser einen Bösen Willen hätte, so könnte es nicht als allein stehender Ursprung existieren, so das man wieder nach einem anderen Ursprung würde fragen müssen.
Dann fragt er dann nach, ob dann der Ursprung im Nichts oder in der ewigen Existenz liegen müsse. Er folgert, das er in der ewigen Existenz liegen müsse, denn läge er im Nichts, hätte er keine Existenz und somit auch keine Auswirkungen und könnte nicht Auslöser sein. Wenn er nun in der ewigen Existenz liegt, so fragt er weiter, sei der Wille dann einer Wesenheit zugehörig ? Augustinus meint, das er das tun müsse, denn würde er keiner Wesenheit zugehören, so wäre auch seine Existenz unmöglich. Wenn er nun einer Wesenheit zugehört, so muss es ein guter Wille sein, da ein Böser Wille nur existieren kann, wenn er etwas ursprünglich gutes mindern kann. Auf diese Weise findet man also keinen ersten Grund für das Böse, weil sich alles stets auf das Gute zurückführen lässt. Somit kann auf der Suche nach der ersten Ursache für alles Böse der Ursprung im Willen ausgeschlossen werden.
Wenn der Ursprung nun nicht im Willen gesucht werden kann, so versucht er sich seinem Ziel doch auf einem anderen Weg zu nähern. Wenn die erste Verderbnis von etwas Höherem als der verdorbenen guten Natur her stammt, so ist das widersprüchlich, denn etwas Höheres als das Gute ist Besser und damit immer noch gut und kann somit nicht Auslöser für etwas Böses gewesen sein. Etwas von gleicher Art kann es auch nicht gewesen sein, denn zwei gute Dinge könnten sich nicht gegeneinander verderben. Also kann die gute Natur erstmals nur durch etwas Niederes zum Bösen verdorben worden sein. Wenn dieses niedere Wesen jedoch Teil der Schöpfung wäre, so hätte es eine ursprünglich gute Natur und so wäre wiederum zu klären, wodurch dieses Verderben hervorgerufen worden wäre.
Wie also entsteht aus Gut Böse ?
Augustinus kommt zu dem Schluss, das der Ursprung dessen doch im Willen zu finden sei, aber in dem Sinne, das er die Abwendung vom Höheren und die Hinwendung zum Niederen ist. Nicht das Niedere ist das Böse, sondern die Hinwendung an sich. Der Böse Wille hat seinen Ursprung in der Schöpfung aus dem Nichts. Die Schöpfung durch Gott ermöglicht die Anteilnahme am vollkommenem Glück, die Schöpfung in das Nichts hinein bewirkt die Möglichkeit der Abwendung.
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