Was verbirgt sich hinter dem Begriff Reinkarnation ?
(Ein älterer Text, entstanden während meines Studiums.)
„Inkarnation“ bedeutet soviel wie „Fleischwerdung“ wobei eine wortgetreue Übersetzung von Re-Inkarnation wohl „Wieder-Verkörperung“ wäre. Anhand spezieller Fragen will ich nun versuchen, meine Interpretation dieses Wortes wiederzugeben.
Woraus leitet sich meine Annahme ab, das es solch ein Phänomen wie die Reinkarnation überhaupt gibt ?
Mein erstes Argument wäre der Hinweis auf analoges Verhalten der Natur. Unsere Welt existiert in Zyklen verschiedenster Größenverhältnisse, angefangen vom beständigen Ein & Ausatmen über Tag und Nacht bis hin zu den Jahreszeiten oder gar wiederkehrenden kosmischen Phänomenen. Da erscheint es mir als nicht unplausibel anzunehmen, das es dem Menschen bzw. der Seele ähnlich ergeht. Zudem lassen sich unter Annahme von einer Kette von Inkarnationen auch die Vielfalt der verschiedenen Meinungen sowie deren Wahrheitsansprüche recht gut verstehen. Dazu jedoch später mehr.
Der zweite wesentliche Punkt der für die Lehre der Wiederverkörperung spricht ist die Fülle an Berichten und Augenzeugen die sich zumeist auf meditative Weise bestätigt finden. Für den Wahrheitsgehalt spricht dabei vor allem die Häufigkeit und die Übereinstimmungen selbst bei vollkommen unterschiedlichen Kulturen.
Auch wenn man diese Meinung von logischen Gesichtspunkten aus angeht, spricht vieles für sie. Die Gerechtigkeit dieses Systems ergibt sich aus der Annahme, das jede Tat einen entsprechenden Ausgleich fordert. Die Verkörperung bietet nun die Möglichkeit diesen Ausgleich vorzunehmen. Wie dieser Ausgleich näher aussieht, darauf will ich später zurück kommen.
Ich denke, das ein Konsens der Menschheit ist, das es so etwas wie Ethik oder eine Moral gibt. Ausnahmen mögen hier die Regel bestätigen und auch in der Auslegung unterscheiden sich die Ansichten teils gravierend. Trotzdem geht der überwiegende Teil der Menschheit davon aus, das es so etwas wie Moral gibt, wenngleich jeder etwas anderes darunter verstehen kann.
Halten wir also fest, das der Mensch einen innewohnenden Moralbegriff hat, der ihm Richtlinien für sein Handeln aufzeigt und seine Ansicht eines „Guten“ Handelns begründet. Das Vorhandensein dieses Begriffs weist darauf hin, das etwas in uns davon ausgeht, das unsere Taten Folgen haben. Würden wir davon überzeugt sein, das unser Handeln keine dauerhaften Konsequenzen hätte, wäre ein solches moralisches Gewissen wohl kaum notwendig. Da sich nun nicht alle Konsequenzen immer innerhalb eines Lebens zeigen, scheint es nicht unlogisch zu folgern, das dieser Ausgleich in folgenden Verkörperungen stattfindet.
Zudem möchte ich noch auf den Energieerhaltungsatz hinweisen, der besagt, das Energie nicht verloren gehen kann, sondern stets nur umgewandelt wird. Wenn Seele & Geist als Form der Energie verstanden werden,so sind wohl auch hier eher Parallelen zur Reinkarnationslehre zu ziehen.
Ein Bild, das mein Verständnis der Entwicklung der Seele durch die Inkarnationen gut wiedergibt, ist die Vorstellung des wachsenden und wieder vergehenden Menschen. Der Mensch wird jung und unverbraucht geboren und ist zunächst ängstlich, gewinnt die neugewonnene Welt mit der Zeit lieb und verbringt seine Jugend in stürmischer Aktivität. Mit der Zeit besinnt er sich auf sein Innerstes und reift durch die Konfrontation mit seiner Vergänglichkeit zur Weisheit des Alters. Ich denke, das sich das gleiche Muster auch auf die Entwicklung der Seele projizieren läßt. Mit Beginn ihren Verkörperungen als Mensch ist die Seele noch unerfahren und ängstlich, unsicher ob ihrer eigenen Möglichkeiten und Beschränkungen. Vielleicht wählt sie deshalb nur eine kurze Inkarnation um sich nicht allzulange dem Unbekannten auszusetzen oder sie wählt ein Leben in größtmöglicher Abhängigkeit um die geliebte Nähe und Wärme nicht missen zu müssen. Die kindliche Seele ist erstaunt von den Möglichkeiten die sich ihr bieten und experimentiert und erforscht die Neuheit der Erfahrung. Die Jugend der Seele kennzeichnet sich wie auch die Jugend des Menschen durch vorwärts drängende Aktivität und Aufbegehren gegen das Bestehende. Die Phase der Jugend und des Erwachsenseins zeichnen sich durch ihre Ausrichtung ins Äußere aus. Die Reife und die Alte Seele widmen sich dann nur mehr der Aufgabe, sich mit ihrem Innenleben auseinander zusetzen in der Erkenntnis, das dies Grundbedingung jeglichen Glücks ist.
Wie nun ist mein genaues Verständnis des Ablaufes der Wiederverkörperung ?
Ausgehend davon, das ursprünglich alles vollkommen ist folgere ich, das alles auch wieder dorthin zurück strebt. Will nun ein unvollkommenes Wesen diesen Weg bestreiten , kann es das nur durch den Gewinn von Erfahrung und Verständnis aller Elemente des Alls. Um diese Erfahrungen machen zu können, braucht die Seele eine der Aufgabe angemessene Hülle. Nachdem die Seele vorherige Entwicklungsstufen durchlaufen hat (Mineral,Pflanze,Tier etc.) und sich bereit sieht für die Herausforderung Mensch, trifft sie verschiedene Entscheidungen.
Das System das ich im folgenden darzulegen versuche, fand ich im Buch „Archetypen der Seele“(V.Hasselmann/F.Schmolke) und es ist eine Beschreibungsversuch, den ich gerne aufgreifen möchte.
Es wird dabei davon ausgegangen, das jede Seele ein individuelles Muster aus 7 verschiedenen Elemente hat, die sogenannte Seelenmatrix. 2 Element darin sind festgelegt, die anderen 5 stellt sich die Seele entsprechend ihrer Aufgabe zusammen. Die beiden feststehenden Elemente sind zum einen das Seelenalter, das sich aus der Anzahl der Inkarnationen ergibt und die Seelenrolle, die die grundlegende Motivation & Zugehörigkeit zu einem von 7 Grundprinzipien wiederspiegelt.
Die Fünf anderen (hellgrau), frei wählbaren Elemente sind das Hauptmerkmal der Angst, das Ziel, der Modus, die Mentalität und das Zentrum. Nur kurz in Tabellenform die verschiedenen Matrixelemente.
Zahl | Seelenrolle | Hauptmerkmal | Ziel | Modus | Mentalität | Zentrum |
|---|---|---|---|---|---|---|
1 | Heiler | Selbstverleugnung | Verzögern | Zurückhaltung | Stoiker | emotional |
2 | Künstler | Selbstsabotage | Ablehnen | Vorsicht | Skeptiker | Intelektuell |
3 | Krieger | Märtyrertum | Unterordnen | Ausdauer | Zyniker | Sexuell |
4 | Gelehrter | Starrsinn | Stillstehen | Beobachtung | Pragmatiker | Instinktiv |
5 | Weiser | Gier | Akzeptieren | Macht | Idealist | Spirituell |
6 | Priester | Hochmut | Beschleunigen | Leidenschaftlichkeit | Spiritualist | Ekstatisch |
7 | König | Ungeduld | Herrschen | Aggressivität | Realist | Motorisch |
Zahl | Seelenalter | Prinzip |
1 | Säugling-Seele | Inspiration |
|---|---|---|
2 | Kind-Seele | Expression |
3 | Junge Seele | Aktion |
4 | Reife Seele | Assimilation |
5 | Alte Seele | Expression |
6 | Transpersonale Seele | Inspiration |
7 | Transliminale Seele | Aktion |
Entsprechend ihrer Aufgabe stellt sich die Seele ihre Ausgangssituation selbst zusammen und bestimmt ihr Vermögen genauso wie die Umstände ihrer Geburt oder ihr Elternhaus. Zudem ist sie sich über den groben Ablauf ihres Lebens schon vorher im Klaren und ist somit mit exakt allen Erfordernissen ausgerüstet, die eine erfolgreiche Bewältigung ihres Vorhabens bedarf.
Im Moment der Inkarnation, den ich spontan mit dem Moment der Befruchtung gleichsetzen würde, verliert die Seele jedoch die Erinnerung an ihre körperlose Existenz. Dies hat wohl vor allem zwei Gründe. Zum Einen will sie ja Erfahrungen machen, die ihr verwehrt bleiben würden, wenn sie um den Ausgang aller Geschehnisse wüsste. Zum Anderen würde es ihr ihre körperliche Existenz nur noch weiter erschweren, denn sowohl die Erinnerung an die Leichtigkeit der Körperlosigkeit als auch die Unvereinbarkeit von früheren Erinnerungen mit der jetzigen Existenzform würden sie in ihrer Entwicklung behindern. Dies heißt aber nicht, das wir vergangene Erfahrungen ganz missen müssen. Ich denke, hier bietet sich der Vergleich mit der Schulzeit an. Wenngleich kaum einer noch genau weiß, was man genau dort lernte, so hat es doch einen jeden reifen lassen uns sein Verständnis erhöht. Ähnlich verhält es sich wohl auch hier. Eine alte Seele wird aufgrund ihrer inneren Reife eine ganz andere Wahrnehmung von Situationen haben als eine Kindes oder Junge Seele und demnach auch in einem ganz anderen Rahmen von Möglichkeiten reagieren. Und was könnte uns das Wissen um die Rituale und Lebensgewohnheiten eines z.B. alttestamen- tarisches Hirtenvolkes bei der Bewältigung gegenwärtiger Aufgaben nützen ? Ich denke, das ein allzu großer Erinnerungshorizont in Anbetracht unserer Kurzlebigkeit eher verwirrend als klärend wäre.
Die Seele durchlebt dann in der gewählten Form den Zeitraum zwischen Geburt & Tod und stellt sich dabei den Aufgaben, die sie sich vorgenommen hat. Mit dem Tod löst sich die Seele wieder vom Körper und seinen Beschränkungen und erlangt somit auch wieder ein umfassenderes Wissen zurück. Im Zusammenhang mit seinen bisherigen Erfahrungen bewertet er sein vergangene Existenz und kann nun auch größere Zusammenhänge fassen und damit sein Verständnis erweitern.
An diese Stelle möchte ich auf etwas hinweisen, das der christlichen Himmels & Höllenvorstellung wohl recht nahe kommt. Wenn die Seele am Ende einer körperlichen Existenz sich ihrer materiellen Bande entledigt und im Zusammenhang ihre vergangenen Taten bewerten kann, wird sie sich dieser auch erst wahrhaft bewusst. Gesetzt der Fall eine Seele erkennt in dieser Phase ihr wahrhaft gotteslästerliches Leben. Da die Seele keine körperliche Aktionsplattform mehr hat, spielt sich jegliche Wahrnehmung im seelischen Bereich ab. Nun weiß ein jeder aus eigener Erfahrung, das die härteste Strafe nichts nützt, wenn der Sünder sein Fehlverhalten nicht einsieht. Und ebenso weiß ein jeder, das die härteste Strafe die Erkenntnis der eigenen Schuld ist. Als Mensch nun hat man vielleicht noch die Möglichkeit, dieses Empfinden durch Verdrängung zu betäuben, der Seele bietet sich jedoch keine Möglichkeit der Ablenkung mehr.
Die Erkenntnis über die Wahrhaftigkeit unseres Lebens erschafft uns Himmel & Hölle.
Wer versucht, ein guter Mensch zu sein , wird diese Phase als himmlischen Genuss empfinden
Wer stets seiner Angst nachgibt, wird diese Phase als Hölle zu fürchten haben.
Zum Abschluss noch ein paar Worte über die Schaffung von Karma („Tun“) und dessen Ausgleich.
Niemand ist davor gefeit, karmische Bande aufzubauen, nein, es ist sogar wesentlich für die Entwicklung der Seele. Jede Seele baut während der ersten Hälfte ihrer Inkarnationskette karmische Verbindungen auf, um sich dann in der zweiten Hälfte mit ihnen auseinander zusetzen und sie aufzulösen. Erst die Auslöschung jeglicher Verpflichtung ermöglicht die Befreiung aus dem Kreislauf der Wiederverkörperung. In dem Sinne wird der Ausgleich also stets in positiver Richtung vollzogen. Der Vorgang der karmischen Bindung & Auflösung könnte wohl wie folgt beschrieben werden. Zwei Seelen begegnen sich, wobei die eine die andere in ihren Entwicklungsmöglichkeiten vehement hemmt. Dies führt zum Bedarf nach Ausgleich, der sich durch eine Umkehr der Situation in späteren Inkarnationen einstellt. Als abschließender Akt gilt das Verzeihen bzw. das Verständnis für einander, welche den Ausgleich besiegelt.