Gedanken über Zeit
(Neubearbeitung)
Berlin
30.06.2012
Gegenstand
dieses Textes soll Zeit in ihren grundlegenden Facetten sein.
Ziel der
Untersuchung ist die Bestimmung möglicher Grenzen und Abhängigkeiten im Bezug
auf unsere Wahrnehmung.
Als
Ausgangspunkt soll zunächst eine formale Analyse dienen, was Zeit eigentlich
beschreibt.
Zeit
erscheint mir als Maßstab oder besser Beschreibung von Veränderung.
Wandelt
sich Zustand A in Zustand B um, so versteht unsere Wahrnehmung dieses nur,
indem sie die Veränderung als zeitlichen Prozess, als Nacheinander erkennt.
Ohne
Veränderung ist Zeit nicht denkbar, beide Begriffe sind nur
Beschreibungsversuche ein und desselben Phänomens.
(etwas grundlegendere Betrachtungen hier)
(etwas grundlegendere Betrachtungen hier)
Unsere
zeitliche Wahrnehmung verläuft dabei (scheinbar) linear, von Vergangenheit über
die Gegenwart hin zur Zukunft. Allerdings geschieht der eigentliche
Wahrnehmungsakt immer gegenwärtig (oder besser vergegenwärtigt). Erinnerung
(Vergangenheit) und Vorausschau (Zukunft) werden in die Gegenwart
"gezogen" und erst dadurch wahrnehmbar. Auch die scheinbar
gegenwärtige Körperwahrnehmung scheint mir eher vergegenwärtigt, betrachtet man
den komplexen Akt der Verarbeitung vom sinnlichen Impuls bis hin zur sinnlichen
Wahrnehmung ( physische Nervenimpulsweiterleitung, Filterung + Umwandlung durch
Gehirn).
Zusammengefasst
könnte man sagen, das Wahrnehmung zwar immer momentan und gegenwärtig ist, allerdings
Sinneswahrnehmungen, Erinnerungen und Vorstellungen nur vergegenwärtigt werden
und nicht substantiell dem Moment zugehörig sind.
Als
nächsten Schritt gilt es die Eigenschaften der Begriffe Vergangenheit, Zukunft
& Gegenwart näher zu untersuchen.
Ausgehend
von der angenommenen linearen Struktur will ich bei der Vergangenheit beginnen.
Was
verstehen wir darunter?
Der Duden
zeigt uns folgende Definition:
- der Gegenwart vorangegangene Zeit [und das in ihr Geschehene]
- jemandes Leben bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt
- (Sprachwissenschaft) Zeitform, die ein vergangenes Geschehen ausdrückt
Folgen
wir dieser Beschreibung, so lassen sich zunächst einmal zwei Begrenzungen der
Vergangenheit herausarbeiten.
Die erste
Grenze ist offensichtlich die Gegenwart, denn Vergangenheit ist ja alles ihr
vorangegangene. Dieser Übergang birgt einige Eigenheiten, deren Betrachtung ich
aber lieber später im Zusammenhang mit der Gegenwart näher vertiefen möchte.
Die
zweite Grenze ergibt sich aus der (scheinbar) endlichen, bedingten Natur der
Zeit. Da Zeit an Veränderung gebunden ist, ergibt sich unter Berücksichtigung
der Urknalltheorie (Beginn & Ende einer Veränderung) eine notwendige
Annahme von Anfang und Ende der Zeit.
Die
gedachte zweite Grenze wäre also der Beginn der Zeit.
Vergangenheit
beschreibt demnach den Bereich vom Anfang der Zeit bis zum Beginn der
Gegenwart.
Analog
dazu gilt es nun die Zukunft zu betrachten.
- Zeit, die noch bevorsteht, die noch nicht da ist; die erst kommende oder künftige Zeit (und das in ihr zu Erwartende)
- jemandes persönliches, zukünftiges Leben; jemandes noch in der Zukunft liegender Lebensweg
- (Sprachwissenschaft) Zeitform, die ein zukünftiges Geschehen ausdrückt; Futur
Hier
lässt es sich zwar nicht in der sprachlichen Definition erkennen, allerdings
scheint offensichtlich, dass die Grenzen der Zukunft ähnlich gelagert sind wie
in der Vergangenheit.
Zum Einen
wird sie begrenzt durch Gegenwart, denn sie ist alles, was auf diese folgt.
Zum
Anderen mündet sie im gedachten Ende der Zeit.
Zukunft
beschreibt demnach den Bereich vom Ende der Gegenwart bis zum Ende der Zeit.
Damit
kann die Betrachtung natürlich noch nicht beendet werden, es gilt die
"äußeren" Begrenzungen der Zeit in Augenschein zu nehmen, ihr Anfang
und Ende.
Dabei
offenbart sich ein paradoxes Phänomen.
Auf der
einen Seite muss man von einem Beginn der Zeit ausgegangen werden, anderseits
lässt sich der erste Moment nicht fassen. Für jeden vergangenen Augenblick kann
ein vorhergehender gedacht werden, der "Beginn der Zeit" bleibt immer
abstrakt und unfassbar, da Zeitlosigkeit nicht gedacht werden kann. Da der
erste Moment seine "äußere" Grenze
zur
Zeitlosigkeit hin hat, ist er paradoxer Natur, teilhabend an Zeit wie an
Zeitlosigkeit.
Deshalb
lässt er sich bildlich gesprochen nur umkreisen, aber nicht letztendlich
einfangen.
Analog
dazu kann man den letzten Moment, die "äußere" Grenze der Zukunft
betrachten.
Zusammenfassend
folgt daraus, dass die äußeren Grenzen der Zeit durch ihre Teilhabe an der
Zeitlosigkeit nicht fest bestimmbar sind.
Als
letztes und zentrales Element gilt es nun die Gegenwart zu untersuchen, die
"innere" Grenze von Vergangenheit und Zukunft.
- Zeit[punkt] zwischen Vergangenheit und Zukunft; Zeit, in der man gerade lebt; Jetztzeit
- (Sprachwissenschaft) Zeitform, die ein gegenwärtiges Geschehen ausdrückt; Präsens
- Anwesenheit
Hier
scheint mir die sprachliche Definition teils brillant, teils etwas
unzureichend.
Brillant
durch die Formulierung "Zeitpunkt", unzureichend durch den Bezug auf
Vergangenheit und Zukunft. Inhaltlich natürlich zutreffend, für unsere Zwecke
aber schwierig, da sich so Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gegenseitig
begründen.
Ich würde
die Gegenwart lieber als den Zeitpunkt beschreiben, dessen Wahrnehmung durch
eine
empfundene Vergangenheit und Zukunft begrenzt wird. Dies scheint vielleicht als
Haarspalterei, mir geht es aber darum herauszuheben, dass die Gegenwart das
Substantielle ist, auf das sich Vergangenes & Zukünftiges beziehen und sie
somit unbedingt ist und nicht in Abhängigkeit zu diesem.
Um auf
die besondere Bedeutung der Begriffswahl "Zeitpunkt" einzugehen, hier
noch einmal ein Verweis auf den Duden.
gedachtes geometrisches
Gebilde mit bestimmter Lage (ohne Ausdehnung)
In Anwendung auf die Zeit ergibt sich die Bestimmtheit der
Lage durch die Begrenzung durch Vergangenheit und Zukunft.
Die Nichtausdehnung ist Konsequenz des Umstandes, das
stets ein kleinerer Moment angenommen werden kann.
Die Gegenwart kann nicht direkt durch den Verstand erfasst
werden, denn es ist stets ein noch gegenwärtigerer Moment denkbar. Jede noch so
kleine Zeiteinheit kann als kleiner gedacht werden, die "inneren"
Grenzen der Zeit bleiben genauso unfassbar wie die äußeren.
Beginn und Ende der Gegenwart begrenzen einen zeitlosen
Bereich innerhalb der Zeit, die eigentliche Zeitwahrnehmung spielt sich erst
durch das Zusammenspiel aller 3 Bereiche ab.
Unsere Wahrnehmung ist zwar immer gegenwärtig, die
Gegenwart an sich entzieht sich aber jeder festen Einordnung.
Wendet man diese Erkenntnisse auf die oben erarbeiteten
Eigenschaften von Vergangenheit und Zukunft an, so zeigt sich, das die äußeren
Grenzen der Zeit unfassbar bleiben aufgrund des Anteils an der Zeitlosigkeit,
die sie umschließt.
Ebenso verhält es sich mit den inneren Grenzen, die die
Zeitlosigkeit des Moments umrahmen.
Damit sind alle Bestimmungspunkte der Zeit gleichzeitig
abhängig und doch unbestimmbar.
Abhängig weil sie durch den Zeitablauf wahrnehmbar werden.
Unbestimmbar weil sie sich durch ihren Anteil an der
Zeitlosigkeit der Bestimmung verschließen.
Zeit als wahrnehmbares und denkbares Phänomen erscheint
mir darum von paradoxer Natur, im Ablauf endlich, in der Dauer und im Kern
unendlich.
Zum Abschluss möchte ich noch ein paar Gedanken über die
Wahrnehmung im Zusammenhang mit der Zeit verfolgen.
Wahrgenommene Zeit ist immer vergegenwärtigte Zeit,
Vergangenheit und Zukunft sind Hilfskonstrukte des Verstandes zum Zwecke der
Erfassbarkeit und der Einordnung der Gegenwart.
Um den Bogen ganz zurück zum Anfang zu schlagen, zur
scheinbaren Linearität des Zeitablaufs. Unter Berücksichtigung der Erkenntnisse
über die Unbestimmbarkeit von Zeit scheint es mir als passender Zeit nicht als
strikten Ablauf von Vergangenheit über Gegenwart zur Zukunft zu betrachten,
sondern eher als eine Aneinanderreihung von unendlichen Momenten. Wobei die
Eigenschaften des Moments diese vielen unendlichen Momente zu einer momentanen
Unendlichkeit verschmelzen, in die unser Verstand eine Zeit hinein projiziert
um sie erfassen zu können.